Samstag , 24. Oktober 2020
Menschen in Deutschland gehen in Corona-Zeiten häufiger in die Natur. Quelle: Lino Mirgeler/dpa

Sportartikel-Branche: Deutschland fährt Rad, läuft und treibt Yoga

Die Sportartikel-Branche spürt den betonten Bewegungsdrang der Deutschen und das veränderte Urlaubsverhalten in Corona-Zeiten. Vor allem Outdoor-Aktivitäten sind gefragt. Als Gewinner der Corona-Krise zeichnen sich Radsport, Yoga und Laufen ab.

Die großen Sportartikler Adidas und Puma waren hier zu Lande unter den ersten die Corona-Staatshilfen in Milliardenhöhe beantragt haben. Aber die ganze Branche ist getroffen, wenn Werbeplattformen wie Olympische Spiele und Fußball-Europameisterschaft wegfallen, Läden wochenlang geschlossen sind und Hobbysportler coronabeschränkt nicht sporteln können.

Wer in der Krise gesellschaftliche Verantwortung gezeigt hat, musste sogar das eigene Geschäft torpedieren. “Normalerweise halten wir Menschen an, vor die Tür zu gehen”, sagt Reiner Gerstner als Marketingchef der Outdoor-Marke Schöffel. Zehn Jahre lang hat die mit dem Spruch “Ich bin raus” geworben. Zur Pandemie wurde daraus “Ich bleib drin.” Mehr Outdoor-Jacken verkauft man damit kaum, hält aber Kontakt zur Kundschaft und fördert das Markenimage.

Branche spürt den Bewegungsdrang der Deutschen nach Corona

Das macht sich beim Neustart der Branche positiv bemerkbar. Die spürt nun betonten Bewegungsdrang der Deutschen und verändertes Urlaubsverhalten mit Outdoor-Aktivitäten im Mittelpunkt. “Menschen wertschätzen Natur und die Möglichkeit draußen zu sein jetzt viel mehr”, sagt der Präsident der europäischen Outdoor-Gruppe EOG Mark Held. Deshalb seien Outdoor-Hersteller europaweit auch zuversichtlich, die Krise zu meistern. “98 Prozent sagen, sie werden überleben”, sagt Held mit Blick auf eine Branchenumfrage.

Fahrradhändler sind die Gewinner der Krise

Als ausgesprochene Gewinner der Corona-Krise zeichnen sich Radsport, Yoga und Laufen ab. “Ich kenne einzelne Fälle, wo der Fahrradabsatz im Jahresvergleich um 400 Prozent zugenommen hat”, sagt Kevin Mayne. Insgesamt seien die Umsätze mit Fahrrädern und Zubehör europaweit bis Mitte des Jahres noch um zwölf Prozent unter Vorjahr, räumt der Präsident des Verbands der europäischen Fahrradindustrie ein. Mit dem aktuell stürmischen Wachstum nähere man sich aber zügig den Vorjahreswerten. Das ist insofern bemerkenswert als vor allem eBikes in Vorjahren schon geboomt haben und das Niveau hoch ist.

“Derzeit sind aber alle Rad-Kategorien stark gefragt”, sagt Michael Benner, Einkaufschef des auf Rad und Outdoor spezialisierten Online-Händlers Internetstores. Als Internethändler konnte seine Firma schon profitieren als stationäre Läden noch zu waren. Dafür sorgen viele Neukunden, die vor der Pandemie schon lange nicht mehr Rad gefahren sein. Denn viele radeln neuerdings in die Arbeit, um Ansteckungsgefahren in öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Weg zu gehen.

Alles was mit Yoga zu tun hat, ist gefragt

Geradezu in Jubellaune ist Bettina Beringer. “Ich hatte meine stärksten Monate während des Lockdowns”, sagt die Gründerin der auf modische Sportbekleidung für Frauen zugeschnittenen Online-Boutique BeeAthletica. Vor allem, was mit Yoga zu tun habe, sei von ihrer weiblichen Kundschaft stark gefragt. Dazu beigetragen hätten Online-Studios für Yoga in den eigenen vier Wänden, die mit Pandemieausbruch aus dem Boden geschossen sind.

BeeAthletica und Internetstores stehen auch exemplarisch für den verstärkten Aufwind des Onlinehandels in Coronazeiten. “Er hat seine Wachstumsraten von März auf April verdreifacht”, weiß Moritz Hagenmüller als Experte der Beratungsfirma Accenture. Er sagt der Sportartikelbranche allgemein gute Geschäfte voraus. Mehr als acht von zehn Konsumenten sagen, die Pandemie habe ihr Gesundheitsbewusstsein verstärkt. Wer fit bleiben will, bewegt sich mehr und sportelt.

Händler haben auch gegen den Online-Verkauf eine Chance

Hat ein Händler die richtigen Produkte auf Lager, überlebt er sogar rein stationär ohne Online-Verkauf. “Wir haben Lieferservice eingeführt”, erzählt Jost Wiebelhaus von seinem erfolgreichen Kampf. Der Inhaber des Frankfurter Laufshops ist auf Sportschuhe spezialisiert und hat sich bislang jeder Online-Aktivität verweigert. Als sein Laden in der Frankfurter Innenstadt wegen des Coronavirus schließen musste, war er erst einmal von jedem Geschäft abgeschnitten. “Aber wir haben sehr hohe Kundenloyalität”, sagt Wiebelhaus.

Kunden hätten dann per Whatsapp und Email bestellt, er habe per Online-Video beraten. Fahrradkuriere hätten die Ware lokal ausgeliefert. Geholfen hat Wiebelhaus aber auch, dass Laufen und damit Sportschuhe eine aktuell besonders gefragte Sportartikelkategorie sind. Für manchen Kollegen sieht es dagegen schlecht aus. “Es wird Händler geben, die es nicht schaffen, das ist sicher”, betont Robbert De Kock.

Sogar einige Markenhersteller würden wohl pleite gehen, wenn auch keine großen und bekannten, schätzt der Präsident des Weltverbands der Sportartikelhersteller WFSGI. Der Nachholbedarf, von dem einige gerade enorm profitieren, betreffe nicht alle Kategorien. Vor allem Indoor- und Mannschaftssport leidet anhaltend. Dennoch stehen Sportartikel im Vergleich zu Reisebüros oder Konzertveranstaltern relativ gut da. “Eineinhalb bis zwei Jahre wird es aber dauern, bis wir uns voll erholt haben”, prognostiziert De Kock.

Von Thomas Magenheim/RND