Donnerstag , 22. Oktober 2020
Dem Finanzdienstleister Wirecard könnte eine rasche Zerschlagung bevorstehen. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Mehr als 100 Interessenten wollen Teile von Wirecard erwerben

Die Zerschlagung von Wircard nimmt Gestalt an: Interessenten wollen schnell kaufen, bevor Wirecard die Kunden davonlaufen. Ex-Vorstand Jan Marsalek bleibt weiter verschwunden.

München. Der Verkaufsprozess für die lukrativen Teile des Dax-Konzerns Wirecard hat begonnen. Mehr als 100 Interessenten dafür hätten sich bislang gemeldet, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe nach einer Sitzung des Gläubigerausschusses mit.

Am weitesten fortgeschritten seien die Verkaufsbemühungen bei der US-Tochter Wirecard North America, wo mit der internationalen Investmentbank Moelis bereits ein Finanzinstitut mit der konkreten Begleitung des Verkaufsprozesses beauftragt wurde. Auch für weitere Töchter sowie das Kerngeschäft von Wirecard seien Investorenprozesse eingeleitet.

Ex-Vorstand Marsalek bleibt verschwunden

Damit deutet alles auf eine rasche Zerschlagung des tief gefallenen Dax-Konzerns hin, wo die Staatsanwaltschaft seit kurzem auch wegen schwerem gemeinschaftlichem Betrug gegen mehrere Manager ermittelt.

Der Wirecard-Geschäftsführer einer Tochter aus Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzt deswegen mittlerweile in Untersuchungshaft. Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun ist nur gegen Hinterlegung von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Gesucht wird noch nach Ex-Vorstand Jan Marsalek, der als weitere Schlüsselfigur des Skandals um verschwundene 1,9 Milliarden Euro, gefälschte Bilanzen und Scheinumsätze im großen Stil gilt.

Wirecard Bank ist nicht insolvent

Die Kaufinteressenten drängen indessen auf eine rasche Prüfung der Bücher, weil sie zum Zug kommen wollen, bevor Wirecard die Kunden davonlaufen und das Geschäft damit weitgehend wertlos wird. Mit Aldi Süd hat bereits ein prominenter Kunde des Zahlungsdienstleisters seine Zusammenarbeit aufgekündigt.

Neben dem Mutterkonzern in Aschheim bei München sind bislang sechs Tochterfirmen insolvent, wovon bislang mehr als 1500 der konzernweit 5800 Beschäftigten betroffen sind. Sie bekommen nun staatliches Insolvenzgeld. Die Wirecard Bank ist dagegen nicht pleite, was für die Fortführung des Geschäfts entscheidend ist.

Parallel ist Jaffe damit beschäftigt, die Wirecard-Vermögenswerte an internationalen Standorten zu sichern. Dabei könnte es noch Überraschungen geben, weil offenbar große Teile des Geschäfts vor allem in Asien frei erfunden worden sind. Bei der Aufklärung der Krisenursachen und der Analyse fragwürdiger Zahlungsströme kooperiert der vorläufige Insolvenzverwalter mit Staatsanwälten.

Von Thomas Magenheim/RND