Sonntag , 27. September 2020
Martin Zielke (links), Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, und Stefan Schmittmann, Aufsichtsratsvorsitzender, haben ihre Posten bei der Commerzbank aufgegeben. Quelle: Arne Dedert/dpa

Stellenabbau und Neuausrichtung: Wie geht es mit der Commerzbank weiter?

Wie soll es bei der Commerzbank weitergehen? Diese Frage stellt sich, nachdem Vorstandschef Martin Zielke und der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann ihren Rückzug aus dem Unternehmen angekündigt haben. Die Gewerkschaft fordert Mut zu einem konsequenten Umbau.

Bei der Commerzbank liegt einiges im Argen. Deshalb fordert auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi einen konsequenten Umbau des Geldinstituts. “Bislang wurde dies vom Vorstand mit zu wenig Mut und zu wenig Geld angegangen”, sagte Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), er ist auch Mitglied im Aufsichtsrat der Bank. Als Erstes werde ein einheitliches und effizientes IT-System für die Bank benötigt. Die Digitalisierung könne große Vorteile bringen. “Den notwendigen Stellenabbau können wir dann über Altersinstrumente organisieren”, so Wittmann.

Vorstands- und Aufsichtsratschef gehen

Deutschlands zweitgrößtes privates Kreditinstitut steht vor massiven Einschnitten. Zunächst hatte Vorstandschef Martin Zielke am Freitagabend seinen Rücktritt erklärt. Sein Vertrag soll spätestens zum 31. Dezember 2020 aufgelöst werden. Ihm folgte Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann, der sein Mandat zum 3. August niederlegt. Schmittmann sagte am Montag in einem Interview, das im Intranet der Bank publik gemacht wurde, die Beschäftigten müssten sich keine Sorgen machen. Es werde bei der Besetzung der vakanten Posten einen geordneten Prozess geben.

Genau dafür hat sich auch der Großaktionär Cerberus starkgemacht. In einem Statement fordert der US-Investor, dass zunächst ein neuer Aufsichtsratschef ernannt werden müsse. Dann müsse ein formeller Prozess eingeleitet werden, um den Nachfolger von Zielke zu benennen. Die Cerberus-Leute verlangen auch mehr Macht im Aufsichtsrat.

Commerzbank-Aktie verliert an Wert

Cerberus ist mit gut 5 Prozent der Anteile der zweitgrößte Aktionär des Unternehmens. Der deutsche Staat hält 15,6 Prozent – der Bund war in der Finanzkrise eingestiegen, um das Kreditunternehmen mit Steuermilliarden zu retten. Die Commerzbank hat in den vergangenen zwölf Monaten an der Börse rund 30 Prozent an Wert verloren. Am Montag ging es bis zum späten Nachmittag aber um mehr als 7 Prozent nach oben.

Die Führungsriege war seit geraumer Zeit heftig attackiert worden. Auch die Bundesregierung war unzufrieden mit der Entwicklung der Bank. Verdi hatte Zielkes Rücktritt gefordert. Und Cerberus hatte mit harten Worten den Kurs des Vorstands kritisiert. Die Amerikaner haben mit dem Engagement bei der Commerzbank bislang enorme Buchverluste erlitten. Schon Mitte voriger Woche waren die Wellen hochgeschlagen, heißt es in der Belegschaft. Der Abgang von Zielke soll sich da schon angedeutet haben. Dass dann aber auch gleich noch Schmittmann das Handtuch warf, war eine Überraschung für viele Beschäftigte. Hauptgrund soll der massive Druck gewesen sein, den Cerberus in jüngster Zeit aufgebaut hatte.

Konzept für Stellenabbau liegt vor

Hinzu kam aber auch, dass die Arbeitnehmerseite vorige Woche eine Aufsichtsratssitzung platzen ließ, weil ihr ein vorgelegtes Konzept für einen stärkeren Stellenabbau zu “rudimentär und zu pauschal” war. Es sah nach Informationen aus Unternehmenskreisen unter anderem vor, etwa 10.000 der 40.000 Vollzeitstellen der Commerzbank bis 2023 abzubauen. Von etwa noch 1000 Filialen sollten nur noch 200 voll funktionsfähige Zweigstellen übrig bleiben. Weitere 400 Standorte wollte das Management als “Servicepoints” betreiben – wo Angestellte den Kunden noch beim Bedienen von Geldautomaten helfen. Zielke hatte nach einem Gewinneinbruch im vergangenen Jahr im Februar angekündigt, den bereits beschlossenen Sparkurs noch zu verschärfen. Seither wuchs die Unruhe in dem Geldhaus.

Wittmann sagte nun dem RND: “Noch nie stand die Belegschaft so glasklar hinter dem Betriebsrat und hinter Verdi. Das hat auch viel damit zu tun, dass wir einen konsequenten Umbau der Bank fordern – unter Mitnahme der Belegschaft.” Zur Reduzierung der Stellen schlägt er vor: “Neben Kollegen, die regulär in Rente gehen, kann unter anderem mit Altersteilzeit oder Vorruhestand gearbeitet werden. Dieser Prozess müsste bis Mitte 2026 laufen. 7000 bis 8000 Stellen könnten auf diese Art und Weise abgebaut werden”, sagte Wittmann dem RND. Der Konzernbetriebsrat hatte sich schon zuvor gegen betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen.

Der Gewerkschaftssekretär geht unterdessen davon aus, dass es in diesem Jahr keinen zusätzlichen Personalabbau geben werde. Er erwartet, “dass Verhandlungen darüber erst im Januar 2021 beginnen können”. Das zeichne sich ab, denn eine neue Führung müsse erst die Strategie überarbeiten.

Drei Nachfolger für Zielke im Gespräch

Wer dann das Sagen haben wird, ist noch offen. Als aussichtsreicher Kandidat für den Vorsitz im Aufsichtsrat wird der 61-jährige Nicholas Teller gehandelt, der mehr als 25 Jahre bei der Commerzbank gearbeitet hat und einst auch zum Vorstand gehörte.

Als neuer Vorstandschef ist Roland Boekhout im Gespräch. Er ist derzeit für das Geschäft mit Firmenkunden verantwortlich und kam erst Anfang des Jahres zur Commerzbank. Zuvor hatte er mit viel Erfolg die Direktbank ING-Diba (heute: ING Deutschland) geleitet. Die Gewerkschafter haben eine andere Favoritin: “Wir halten als eine Möglichkeit Bettina Orlopp für die richtige Nachfolgerin von Vorstandschef Martin Zielke. Sie ist eine klare Analystin, und sie kennt die Belegschaft der Bank”, sagte Wittmann. Orlopp war zunächst Unternehmensberatin und kam 2014 zur Commerzbank. Momentan ist sie die Finanzchefin. Über das weitere Vorgehen will der Aufsichtsrat an diesem Mittwoch entscheiden.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND