Samstag , 26. September 2020
Wie viele Reiche leben in Deutschland, wie viele Arme? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte eine Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland. Quelle: imago images/Steinach

Studie zur Einkommensverteilung: Wie wohlhabend bin ich?

Anhand einer interaktiven Grafik kann das eigene Einkommen verglichen werden.

Köln. Die oberen 10 Prozent der Einkommen, das sind gut acht Millionen Menschen in Deutschland. Sie zählen zu den Topverdienern. Doch wie reich sind sie wirklich? Wer als kinderloses Paar netto mehr als 5294 Euro im Monat an Einkommen zur Verfügung hat, zählt zu dieser Gruppe – und ist damit bessergestellt als 90 Prozent der Menschen in Deutschland. Dies ist das zentrale Ergebnis einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Bei Alleinlebenden liegt diese Schwelle demnach bei 3529 Euro Haushaltsnettoeinkommen. Für ihre Analyse haben die Forscher die aktuell verfügbaren Daten aus der Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) neu ausgewertet.

Die verfügbaren Einkommensdaten beziehen sich dabei auf das Jahr 2017. Zusätzlich wurde bei einer Onlinebefragung die subjektive Einordnung des Verdienstes thematisiert. Die nackten Zahlen und das Gefühl, ob jemand reich oder arm ist, weichen dabei teilweise weit voneinander ab.

Kaum jemand empfindet sich als reich

Denn ab wann verdient jemand richtig gut? Singles zählen ab einem monatlichen Nettoeinkommen von 3892 Euro zu den reichsten 7 Prozent der Bevölkerung. Jedoch liegt die Wahrnehmung, wer als reich gilt, deutlich in einem anderen Bereich. Viele glauben, dass erst bei einem Einkommen von 7000 netto von Reichtum gesprochen werden kann. “Bei Einschätzungen zum Thema Reichtum gehen Daten und Wahrnehmung besonders weit auseinander”, sagt IW-Verteilungsexpertin Judith Niehues.

Unabhängig davon, wie Reichtum definiert wird, ordnen sich selbst nur wenige der Oberschicht beziehungsweise den Reichen zu. Paradox allerdings: Viele Deutsche überschätzen den Anteil der Reichen in der Bevölkerung. Nach aktuellen Schätzungen gehen die meisten davon aus, dass mehr als 20 Prozent der Deutschen als reich bezeichnet werden können – und damit ein deutlich größerer Anteil als gemäß der verschiedenen Reichtumsdefinitionen.

Wohlstand vor der Corona-Krise gestiegen – aber nicht für alle

Die Berechnungen zeigen, dass der Wohlstand in Deutschland in den Jahren vor der Corona-Krise deutlich gestiegen ist. Neben der Einkommensgrenze, die besagt, ab wann man zu den oberen 10 Prozent gehört, ist auch das mittlere Einkommen gestiegen. 2016 lag es bei 1869 Euro netto im Monat – die Hälfte der Bevölkerung verdiente also mehr, die andere Hälfte weniger. 2017 waren es schon 1946 Euro monatlich, ein deutliches Zeichen für gestiegenen Wohlstand.

Allerdings kommt das Geld nicht überall gleichmäßig an: Eine Expertin der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung weist darauf hin, dass der Wohlstand in Deutschland ungleich verteilt ist. Durch die Corona-Krise dürfte sich dies weiter verschärfen. “Nach einem Jahrzehnt mit kräftigem Wirtschaftswachstum und Rekordbeschäftigung ist die Ungleichheit in Deutschland weiter so hoch, dass man damit nicht zufrieden sein kann”, sagte die wissenschaftliche Direktorin der Stiftung, Bettina Kohlrausch.

Ein Paar ohne Kinder – hierzu gehören auch Paarhaushalte, aus denen die Kinder bereits ausgezogen sind – zählte im Jahr 2016 mit einem gemeinsamen Haushaltsnettoeinkommen von knapp 5160 Euro (2017: 5294 Euro) zu den reichsten 10 Prozent Deutschlands. Dieser Haushaltstyp war im Jahr 2016 recht häufig im oberen Einkommensbereich angesiedelt. Auch Wohneigentümer, Personen mit Hochschulabschluss und Vollzeitbeschäftigte schnitten damals gut ab. In der interaktiven Studie wird zudem das Geschlecht, Alter, Herkunft und Wohnort verglichen. Dabei wird auch zwischen West- und Ostdeutschland unterschieden. Jedoch werden nicht die regionalen Preisunterschiede berücksichtigt.

Daten sind repräsentativ

Um das Einkommen zwischen Alleinstehenden, Familien oder Alleinerziehenden zu vergleichen, wird das Haushaltseinkommen je nach Konstellation durch einen bestimmten Quotienten geteilt. So zählt eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren ab 7412 Euro netto pro Monat zum oberen Zehntel. Ab einem Einkommen von 3529 Euro netto pro Monat gehört ein Alleinstehender zu den oberen 10 Prozent der Topverdiener.

Die Ergebnisse der Studie gelten als repräsentativ. Auch weil die Interviewer mit einem Fragebogen zu den Teilnehmern nach Hause kommen. Und seit 1984 werden jedes Jahr – wenn möglich – immer dieselben Haushalte beleuchtet. Dabei werden folgende Fragen gestellt: Wie oft haben Sie in den letzten zwölf Monaten ihren Job gewechselt? Wie zufrieden sind Sie? Und das Wichtigste: Was verdienen Sie? Die Ergebnisse hängen natürlich davon ab, wie wahrheitsgemäß die Befragten antworten. Und ob sie überhaupt bereit sind, über ihr Einkommen zu sprechen. Die Erfahrungen zeigen, dass sich die ganz Reichen in diesem Punkt eher bedeckt halten.

RND/akw