Nachdem sich Vorstandsvorsitzender Martin Zielke überraschend zurückgezogen hat, braucht die Conmmerzbank eine neue Führung. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

Neuausrichtung der Commerzbank: Wer wird Zielkes Nachfolger?

Wie geht es weiter bei der Commerzbank? Diese Frage stellt sich, nachdem Vorstandschef Martin Zielke und Aufsichtsratsvorsitzender Stefan Schmittmann ihren Rücktritt angekündigt haben. Eigentlich braucht das teilverstaatlichte Institut dringend eine klare Strategie. Doch nun müssen gleich zwei Spitzenpositionen neu besetzt werden.

Frankfurt/Main. Das plötzliche Vakuum an der Konzernspitze stellt die Commerzbank mitten im Ringen um eine überzeugende Strategie vor zusätzliche Probleme. Gleich zwei Spitzenpositionen müssen neu besetzt werden, nachdem sowohl Vorstandschef Martin Zielke (57) als auch der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann (63) am Freitag ihren Rücktritt angekündigt haben.

Schon an diesem Mittwoch (8.7.) könnte das Kontrollgremium des teilverstaatlichten Frankfurter MDax-Konzerns personelle Weichen stellen. Investoren dringen auf eine rasche Lösung: "Ohne neuen CEO wird es keine neue Strategie geben", hieß es Wochenende. Für eine schnelle interne Lösung gelten Firmenkundenchef Roland Boekhout oder Finanzvorständin Bettina Orlopp als aussichtsreiche Kandidaten.

Das sind die möglichen Kandidaten

Boekhout (56) hat Erfahrung mit der Führung einer Bank: Als Chef der Direktbank ING-Diba, die heute als ING Deutschland firmiert, trieb er in den Jahren 2010 bis 2017 die Digitalisierung und das Geschäft mit Firmenkunden voran. Auch vor radikalen Schritten scheut er sich nicht. Im Februar 2015 beispielsweise kündigte der Niederländer an, die ING-Diba wolle Deutschlands führende Digitalbank werden. Dafür werde er "die halbe Bank" umbauen - oder "notfalls sogar die ganze Bank". Ein möglicher Trumpf für eine Beförderung bei der Commerzbank: Boekhout arbeitet erst seit dem 1. Januar 2020 als Firmenkundenchef bei dem Institut. Er müsste also beim Umbau der Bank weniger Rücksicht auf alte Seilschaften nehmen.

Die ehemalige McKinsey-Partnerin Orlopp (50) kam 2014 zur Commerzbank und rückte am 1. November 2017 in den Vorstand auf. Die gebürtige Solingerin ist eine von zwei Frauen in dem siebenköpfigen Gremium. Bei der diesjährigen Bilanz-Pressekonferenz Mitte Februar hatte die zuvor für Personal und Rechtsfragen zuständige Managerin ihren ersten Auftritt in ihrer neuen Rolle als Finanzvorständin.

Als möglicher externer Kandidat für den Chefposten wurde in Medienberichten am Wochenende Stefan Ermisch genannte, der die Hamburg Commercial Bank leitet, die frühere Landesbank HSH Nordbank. Auch dort ist der US-Finanzinvestor Cerberus Miteigentümer, der als maßgebliche treibende Kraft hinter den Umbrüchen bei der Commerzbank gilt. Ermisch habe aber bereits abgewunken, hieß es in den Berichten.

Bank und Mitarbeiter müssen sich auf Veränderungen einstellen

Sicher ist: Wer immer Zielke beerben wird - es gilt unangenehme Entscheidungen zu treffen. "Der Bank, dem Vorstandsteam und den Mitarbeitern stehen tiefgreifende Veränderungen bevor", stellte der scheidende Aufsichtsratschef Schmittmann in einer Mitteilung am Freitagabend klar. Der ehemalige Risikovorstand, der seit Mai 2018 Aufsichtsratschef ist, wird sein Mandat zum 3. August niederlegen.

Zielkes Vertrag soll spätestens zum 31. Dezember einvernehmlich aufgelöst werden. "So erkennbar die strategischen Fortschritte sind, so unbefriedigend war und ist die finanzielle Performance der Bank", räumte Zielke ein. Dafür trage er als Vorstandschef die Verantwortung. "Ich möchte damit den Weg für einen Neuanfang freimachen. Die Bank braucht eine tiefgreifende Transformation und dafür einen neuen CEO, der vom Kapitalmarkt auch die notwendige Zeit für die Umsetzung einer Strategie bekommt", sagte Zielke, der die Bank seit dem 1. Mai 2016 führt und der vor wenigen Wochen erst zum Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) gewählt wurde.

Verdi befürchtet massiven Personal- und Filialabbau

Nachdem im Frühjahr 2019 der Wunschtraum einer Fusion mit der Deutschen Bank geplatzt war, mühte sich die Commerzbank alleine durch das Zinstief. Im September kündigte der Vorstand an, unter dem Strich 2300 Vollzeitstellen zu streichen. Zielgröße für das laufende Jahr: knapp 39 000. Zudem beschloss das Management, etwa 200 Filialen und damit jeden fünften Standort in Deutschland zu schließen.

Doch schon bei der Bilanzvorlage im Februar kündigten Zielke und Orlopp nach einem Gewinneinbruch an, den Sparkurs noch einmal zu forcieren. Zu allem Überfluss verhagelte die Corona-Krise der 150 Jahre alten Commerzbank dann auch noch den Start ins Jubiläumsjahr 2020 und lässt das Gewinnziel für das Gesamtjahr wackeln. Verdi fürchtet einen weiteren massiven Personal- und Filialabbau.

Zuletzt war die Kritik lauter geworden. Cerberus - benannte nach dem dreiköpfigen Höllenhund aus der griechischen Mythologie - zeigte Zähne: Die Commerzbank-Führung habe "über Jahre eklatant versagt", urteilte der Großaktionär. "Die unausgereiften und schlecht umgesetzten Bemühungen der Geschäftsführung, den Niedergang der Commerzbank zu verhindern, demonstrieren ein Maß an Fahrlässigkeit und Arroganz, welches wir nicht länger hinzunehmen bereit sind", schrieb der US-Fonds - und forderte zwei Posten im Aufsichtsrat.

Commerzbank-Aktie verliert weiter an Wert

Die Worte haben Gewicht: Cerberus, der auch an der Deutschen Bank beteiligt ist, ist mit gut fünf Prozent zweitgrößter Aktionär der Commerzbank - nach dem deutschen Staat, der infolge der Rettung mit Steuermilliarden in der Finanzkrise heute 15,6 Prozent hält.

Das Bundesfinanzministerium äußerte am Freitag Bedauern über die Rücktrittsankündigungen von Zielke und Schmittmann. "Der Bund steht voll hinter seinem Engagement bei der Commerzbank", teilte das Ministerium mit. "Der Bund ist an einer starken und zukunftsfähigen Commerzbank interessiert."

Der deutsche Staat hat dabei noch ein ganz eigenes Interesse: Das einst für 5,1 Milliarden Euro erworbene Aktienpaket ist nur noch einen Bruchteil wert. Damit der Bund ohne Verlust aussteigen könnte, müsste je Aktie "ein Preis von ca. 26 Euro" erzielt werden, rechnete die Bundesregierung im April 2019 vor. Bis dahin dürfte es noch ein langer Weg sein: In diesem Jahr hat die Commerzbank-Aktie knapp ein Viertel an Wert verloren und notierte zuletzt bei etwas über 4 Euro.

RND/dpa