Freitag , 18. September 2020
Der Umsatz in der Automobilbranche ist drastisch eingebrochen. Auch mit Kurzarbeit wird man sich nicht auf Dauer über Wasser halten können. Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Jetzt hilft nur noch kämpfen: Die Autolobby muss raus aus der Grauzone

Mit Hinterzimmertricks haben die Autobauer ihren Ruf ruiniert. Die neue VDA-Präsidentin Hildegard Müller bevorzugt die klaren Töne. Der Autobranche kann es nur helfen, meint Stefan Winter.

Als Hildegard Müller an die Spitze der Autolobby VDA rückte, galt die Aufgabe bereits als schwierig: Die Branche stand vor einem tiefgreifenden Umbruch und hatte mit ihren Abgastricksereien den einst üppigen politischen Kredit komplett verspielt. Beides ist geblieben und die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg hinzugekommen.

Doch das macht auch manches leichter. Je tiefer die Krise, desto größer ist die Veränderungsbereitschaft. Jahrzehntelang hat der VDA die Hinterzimmerdiplomatie perfektioniert. Am Ende bestanden Emissionsgesetze aus großen, strengen Überschriften und kleinen, schwer lesbaren Ausnahmen. VDA-Spitzen waren die Könige der Grauzone. Die Methode ist gescheitert und die Lobby diskreditiert. Mit der Krise im Rücken versucht es Müller anders: Sie vertritt die Interessen der Branche offensiv, kritisiert Regierung und EU-Kommission offen, und es klingt trotzdem nicht nach Verbandsgejammer.

Es braucht eine offene Streitkultur

Vielleicht dringen so wieder ein paar berechtigte Interessen durch – immerhin sind es oft auch die Interessen von Hunderttausenden Mitarbeitern der Autoindustrie. Der schnellere Aufbau eines Elektroladenetzes ist so ein Thema. Und wenn die Autolobby einmal klar sagt, was sie bei CO2-Werten nach eigener Einschätzung nicht leisten kann, ist das besser als die stille Suche nach verlogenen Auswegen. Dann muss man eben streiten – auf beiden Seiten offen.

Ob der neue Ton auch Erfolg bringt, wird sich zeigen. Aber schlimmer kann es in Berlin für die Autobranche nicht mehr kommen. Die Bundesregierung hat im Konjunkturpaket den dringendsten Wunsch – eine Kaufprämie auch für schadstoffarme Verbrenner – ignoriert. Man muss beim VDA auf nichts mehr hoffen. Jetzt hilft nur noch kämpfen.

Von Stefan Winter/RND