Minijobber/innen – das sind Frauen und Männer, die für maximal 450 Euro im Monat oder höchstens für drei Monate im Jahr arbeiten und kaum Sozialabgaben zahlen. Der Niedriglohnsektor entpuppt sich für viele Beschäftigte als Sackgasse. (Symbolbild)

Sackgasse Niedriglohn: Warum Millionen Beschäftigte weniger verdienen, als ihnen zusteht

Viele Beschäftigte kommen nicht aus dem Niedriglohnsektor raus. Besonders Frauen und Arbeitnehmern im Osten fällt der Aufstieg aus der dürftigen Bezahlung oft schwer. Dabei arbeiten viele Minijobber sogar in systemrelevanten Berufen.

Da ist was faul in der Arbeitswelt: Der Niedriglohnsektor entpuppt sich für viele Beschäftigte als Sackgasse. Zumal inzwischen ganze Branchen ihre Geschäftsmodelle auf der mageren Bezahlung aufbauen – dabei handelt es sich häufig ausgerechnet um Jobs, die in der Corona-Krise als systemrelevant erkannt wurden. Das alles zeigt eine aktuelle Studie, die die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben hat.

Am heftigsten betrifft es derzeit die sogenannten Minijobber/innen: Das sind Frauen und Männer, die für maximal 450 Euro im Monat oder höchstens für drei Monate im Jahr arbeiten und kaum Sozialabgaben zahlen. Sie haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld von der Arbeitsagentur, mit dem sich derzeit mehrere Millionen Beschäftigte über Wasser halten. Sie würden als erste Einkommenseinbußen erleiden oder ihre Arbeit verlieren, erläutert Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung. Schon im März gab es denn auch für diese Gruppe einen drastischen Beschäftigungsrückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat. In Haushalten mit geringen Einkommen breche damit ein erheblicher Teil der Einnahmen weg, so die Bertelsmann Stiftung.

Minijobber sind oft systemrelevant

Minijobber arbeiten vielfach im Einzelhandel, in der Nahrungsmittelindustrie, in der Transportbranche, aber auch im Sozial- und Gesundheitswesen. Das sind alles Sparten, deren Bedeutung für die Versorgung und den Schutz der Menschen in der Corona-Krise besonders deutlich wurde: Systemrelevant ist die vielfach zitierte Bezeichnung. Ausgerechnet in diesen Wirtschaftssektoren wird ein besonders hoher Anteil der Beschäftigten mit Niedriglöhnen bezahlt. 29 Prozent sind es laut der Studie, die von einer Tochter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt wurde. Insgesamt mussten 2018 bundesweit 7,7 Millionen Arbeitnehmer mit den mageren Entgelten zurechtkommen, das sind knapp 22 Prozent aller abhängig Beschäftigten. Dieser Wert liegt nicht nur deutlich über dem Durchschnitt der EU-Länder. Kein anderes europäisches Land mit vergleichbarer Wirtschaftsleistung kommt auf ein auch nur ähnliches Ausmaß des Niedriglohnsektors.

Dass es so weit kommen konnte, hat mit der hohen Arbeitslosigkeit in den Jahren nach der Jahrtausendwende zu tun. Die damalige Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) setzte eine Reihe von radikalen Arbeitsmarktreformen durch. Unter anderem wurden gezielt die Voraussetzungen für eine Ausweitung des Niedriglohnsektors geschaffen – bei 11,40 Euro pro Stunde lag für das Bezugsjahr der Untersuchung (2018) die Schwelle zum Niedriglohn, das ist ein Drittel weniger als der mittlere Bruttolohn.

Auch für qualifizierte Tätigkeiten gibt es kaum Geld

Ziel war einst, vor allem Menschen mit geringer Qualifizierung wieder in Lohn und Brot zu bringen. Das gelang dann auch, allerdings mit heftigen Nebenwirkungen. Große Lebensmittelhändler etwa machten vielfach aus einem Vollzeitjob, für den die kompletten Sozialabgaben gezahlt wurden, mehrere Minijobs, mit denen die Personalkosten deutlich gedrückt und die Gewinne gesteigert werden konnten. Für die Beschäftigten gibt es aber keine Absicherung bei Arbeitslosigkeit und erheblich reduzierte Rentenansprüche. Zudem haben die Autorinnen der Studie herausgefunden, dass nicht nur für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose, sondern auch immer mehr für qualifizierte Tätigkeiten weniger als die 11,40 Euro gezahlt werden. Inzwischen könnten 70 Prozent der Niedriglöhner einen beruflichen Bildungsabschluss vorweisen und vier von zehn verfügten über mittlere und sogar hohe Qualifikationen (bis zum Uniabschluss) – das sind enorme Werte im internationalen Vergleich. Auch dieser Mechanismus bringt für die Unternehmen vor allem eins: Gewinnsteigerungen.

Niedrige Löhne als Dauerzustand

Die Vorstellung, dass es einen Aufstieg aus der Welt mit der dürftigen Bezahlung gibt, hat sich für die Hälfte der Beschäftigten auch nach vier Jahren noch nicht erfüllt. Frauen und Arbeitnehmer im Osten der Republik sind davon überdurchschnittlich stark betroffen. Nur gut einem Viertel – meist Jüngeren – ist der Sprung in die höheren Gehaltsklassen gelungen. Bei älteren Beschäftigen ist es nur noch einer von fünf. “Niedrige Löhne dienen nicht mehr dem bloßen Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern sind häufig ein Dauerzustand. Sie sind dann kein Sprungbrett, sondern eine Sackgasse”, betont Dräger.

Die Stiftung bezeichnet die Bedingungen als “gesellschaftliche Missstände”. Um den Arbeitsmarkt “resilienter” zu machen, gelte es deshalb, schlecht abgesicherte Beschäftigungsformen – wie die Minijobs – zurückzudrängen. Denkbar wäre, die Schwelle von derzeit 450 auf 250 Euro abzusenken, “um Anreize zur Umwandlung von Minijobs in reguläre Beschäftigung zu setzen”. Da stellt sich allerdings die Frage, ob stattdessen dann Minijobs noch einmal in Mini-Mini-Jobs zerlegt werden, womit nichts gewonnen wäre.

Sollte man geringfügige Beschäftigungsverhältnisse gleich ganz abschaffen?

Das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK war jedenfalls schon im vorigen Jahr konsequenter: “Die Förderung geringfügiger Teilzeitbeschäftigung ohne soziale Sicherung ist ökonomisch nicht zu rechtfertigen, deshalb sollten geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse (Minijobs) abgeschafft werden”, heißt es in einer Studie.

Die Stiftung macht sich indes auch Forderungen von Gewerkschaften zu eigen und verlangt eine “stärker wirksame Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen”. Damit können Mindestlöhne für ganze Branchen durchgesetzt werden. Und schließlich brauche es eine stärkere Kontrolle zur Einhaltung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns, “um die systematischen Verstöße einzudämmen”. Und in der Hoffnung, dass so auch das Gehaltsniveau im Niedriglohnsektor steigt. Laut Studie erhalten 2,4 Millionen Arbeitnehmer hierzulande weniger, als ihnen per Gesetz zusteht.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND