Donnerstag , 1. Oktober 2020
Die Umsätze bei Lebensmitteln und Getränken waren auch am Höhepunkt der Pandemie enorm. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Keine Spur mehr von Krise? Einzelhandel verbucht überraschendes Umsatzplus

Trotz der anhaltenden Corona-Pandemie scheint es dem Einzelhandel hierzulande wieder gut zu gehen – zumindest deutlich besser, als es Volkswirte für diesen Zeitpunkt prognostiziert hatten. Von einem möglichen Nachholbedarf der Kunden ist die Rede. Außerdem schlägt ein dickes Plus bei den Umsätzen mit Getränken und Lebensmitteln zu Buche.

Das sind Zahlen von historischer Dimension. Die Einnahmen der hiesigen Einzelhändler sind von April auf Mai um fast 14 Prozent gestiegen. “Damit konnte der Einzelhandel die coronabedingten Umsatzeinbußen der Vormonate wieder ausgleichen”, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Mittwoch mit. Gleichzeitig sei dies “der stärkste Umsatzanstieg gegenüber einem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994”.

Die Daten sind auch für viele Volkswirte eine große Überraschung. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur ein Wachstum von 3,9 Prozent erwartet. Deshalb lässt sich das reale Plus von genau 13,9 Prozent (die Inflation wurde herausgerechnet) auch als positives Signal für eine Erholung der Gesamtwirtschaft lesen.

Händler erzielen Plus mit Lebensmitteln und Getränken

Die Wiesbadener Statistikexperten machen derweil darauf aufmerksam, dass der hohe Zuwachs auf die Geschäftsschließungen bis Mitte April und die anschließenden Lockerungen zurückzuführen sei. Im Vormonat waren die Umsätze noch massiv eingebrochen (real minus 6,5 Prozent). Allerdings: Die Umsätze lagen auch im Vergleich zum Mai 2019 deutlich höher (real plus 3,8 Prozent) – und damals war die Konjunktur noch intakt und es gab sogar einen Verkaufstag mehr. Zwar kann man zur Begründung des Zuwachses mit einem möglichen Nachholbedarf der Kunden argumentieren.

Bemerkenswert ist aber, dass es auch in den ersten fünf Monaten, die den bisherigen Höhepunkt der Pandemie einschließen, ein reales Plus von 1,2 Prozent zum Vorjahr gab. Corona, Maskenpflicht und zeitweilige Schließungen konnten die Verbraucher nicht davon abhalten, emsig einzukaufen und Geld auszugeben. Wobei ein dickes Plus bei den Umsätzen mit Lebensmitteln und Getränken erzielt wurde – auch weil mutmaßlich wegen der Schließung von Restaurants und Kneipen zu Hause mehr gegessen und getrunken wurde.

Höhere Preise für Lebensmittel wirken sich auf Umsatz aus

Haben die Händler damit die Krise überwunden? So einfach ist die Sache nach den Worten eines Sprechers des Einzelhandelsdachverbandes HDE nicht: “Der Lebensmittelhandel konnte vor allem über höhere Preise seine Umsätze steigern”, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Untersuchungen der Universität Hohenheim bestätigen dies. So stiegen die Preise für Gemüse innerhalb weniger Wochen massiv: Paprika etwa war Ende Mai 15 Prozent teurer als Anfang Februar. Ähnlich sah es bei Mais und Tomaten aus.

Ein weiterer Aspekt ist dem HDE-Sprecher wichtig: “Die Zahlen zeigen, dass die Schere immer weiter auseinandergeht.” Der Geldfluss von den Verbrauchern zu den Händlern sucht sich neue Wege. Die Kategorie “Einrichtungsgegenstände, Haushaltsgeräte, Baubedarf” erzielte ein überdurchschnittliches Plus von real 8,6 Prozent – die Verbraucher machen es sich zu Hause schön. Und auch der Onlinehandel verzeichnet ein außergewöhnlich hohes Wachstum. Auf der anderen Seite: “Speziell die Unternehmen, die in der Corona-Krise zeitweise schließen mussten, arbeiten sich aber nur langsam wieder nach oben”, so der Sprecher.

Anderes Kaufverhalten: Online- und Versandhandel wächst weiter

Nach den Angaben von Destatis erwirtschaftete der Online- und Versandhandel im Mai Umsätze, die real knapp 29 Prozent über dem Vorjahresmonat lagen. Bislang waren bei den Onlinern Wachstumsraten um die 10 Prozent üblich. Veränderungsraten in der aktuellen Größenordnung seien “selbst in dieser sehr dynamischen Branche ungewöhnlich und somit zu einem erheblichen Teil auf einen Sondereinfluss der Corona-Pandemie zurückzuführen”, erläutert Destatis.

In der Branche wird derzeit heftig diskutiert, ob tatsächlich nur das Virus oder mehr dahintersteckt. Die Chefin des schwedischen Modegiganten H&M, Helena Helmersson, ist von Letzterem überzeugt. Für sie ist weltweit eine “rasante Veränderung im Käuferverhalten” durch die Infektionswelle zu erkennen, die die Digitalisierung des Modeeinzelhandels beschleunige. Genau das soll bei H&M nun umgesetzt werden, und auch der Rivale Inditex (Zara) will massiv in den Ausbau der Onlineshops investieren, die bald ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmachen sollen.

Stationärer Modehandel büßt Umsatz ein

Zu dieser Neuorientierung passt, dass hierzulande der klassische stationäre Handel mit Textilien, Bekleidung und Schuhen im Mai fast ein Viertel seines realen Umsatzes zum Mai 2019 eingebüßt hat. Und auch Kauf- und Warenhäuser mussten Einnahmerückgänge von real 8,3 Prozent verkraften – kein Zufall dürfte sein, dass die Kaufhof-Karstadt-Kette jetzt zahlreiche Filialen schließen will. Auch hier spielen die Bekleidungssortimente eine maßgebliche Rolle. Die Handelsverbände für Textilien, Schuhe und Lederwaren warnen denn auch für die zweite Jahreshälfte vor “einer gigantischen Insolvenz- und Schließungswelle”.

Zwar gibt es neben Kurzarbeitergeld und KfW-Krediten mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung nun auch Zuschüsse zu den betrieblichen Fixkosten für die Monate Juni bis August. Doch in der Branche wird bezweifelt, dass damit alle Verwerfungen aufgefangen werden können. Die Sorgen sind jedenfalls auch beim HDE groß: Wenn es dem für viele Innenstädte enorm wichtigen Textilhandel schlecht gehe, “trifft das viele Stadtzentren bis ins Mark”, betont der Verbandssprecher. Die Politik müsse nun auf allen Ebenen in enger Abstimmung daran arbeiten, “die Innenstädte als attraktive Zentren zu erhalten. Ansonsten drohen uns verödete Stadtzentren mit vielen Leerständen.”

Von Frank-Thomas Wenzel/RND