Montag , 21. September 2020
Die meisten Frauen in Deutschland verkürzen langfristig ihre Arbeitszeit, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Doch das müsste nicht so sein, wenn der Staat in einigen Punkten nachbesserte. Quelle: Christin Klose/dpa-tmn

Einkommenseinbußen bei Müttern: “Das muss auf gar keinen Fall so sein!”

Die Bertelsmann Stiftung hat jüngst in einer Studie aufgezeigt, dass Mütter bis zu 70 Prozent weniger in ihrem Erwerbsleben verdienen als kinderlose Frauen. Im RND-Interview spricht Studienautorin Valentina Sara Consiglio über Hürden und notwendige Verbesserungen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt.

Frau Consiglio, die Zahlen Ihrer Studie sind ja sehr deutlich: Auf bis zu 70 Prozent ihres Einkommens müssen Frauen im Laufe ihrer Berufstätigkeit verzichten, sollten sie Mutter werden. Hat Sie die Deutlichkeit dieser Zahlen überrascht?

Ja und nein. Wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern sehr groß sind und dass Kinder dabei der entscheidende Faktor sind. Was uns aber sehr überrascht hat, war der Blick auf die sogenannte “motherhood lifetime penalty”, also die Einkommenseinbußen, die Mütter im Vergleich zu kinderlosen Frauen im Laufe ihres Erwerbslebens verzeichnen. Mütter jüngerer Jahrgänge haben heute sogar größere Einkommenseinbußen als Mütter älterer Jahrgänge.

Wie kommt diese Entwicklung zustande?

Frauen haben die Männer hinsichtlich des Bildungsniveaus in den vergangenen 60 Jahren eingeholt. Da gibt es keine Unterschiede mehr. Daher sind kinderlose Frauen in der Lage, in gleichem Maße am Arbeitsmarkt zu partizipieren wie Männer. Die Lebenserwerbseinkommen der kinderlosen Frauen haben sich denen der Männer immerhin angenähert.

Gleichzeitig haben sich die Einkommen der Mütter im Erwerbsverlauf kaum verändert. Ein entscheidender Grund hierfür ist, dass in Deutschland immer noch das Modell des männlichen Ernährers oder aber das Modell der weiblichen Zuverdienerin dominieren. Die Einkommenssituation kippt häufig, wenn Kinder ins Spiel kommen. Die Frauen übernehmen dann die unbezahlte Arbeit wie Haushalt oder Fürsorge.

Bei Frauen ab dem 30. Lebensjahr dominiert die Teilzeit

Das heißt, weil Mütter anfänglich ihre Arbeitszeit reduzieren, werden sie nie wieder an das Einkommen Kinderloser oder Männer heranreichen?

Genau. Wir haben uns auch die einzelnen Erwerbsstadien von Frauen und Männern angeschaut und gesehen: Am Anfang unterscheiden sie sich kaum. Dann gehen sie aber sehr auseinander. Bei Männern dominiert die Vollzeit, bei Frauen ab dem 30. Lebensjahr die Teilzeit. Das ändert sich erst wieder zum Ende des Erwerbslebens. Frauen reduzieren also langfristig auch über das Mutterdasein hinweg ihre Arbeitszeit und kommen da so schnell nicht wieder heraus.

 

Aber sind wir nicht längst weiter? Elternzeit für beide Geschlechter, gleichberechtigte Aufgabenteilung spielen doch heute eine größere Rolle denn je.

Schon Anfang 2019 haben wir in unserer Studie “Die Gewinner und Verlierer auf dem deutschen Arbeitsmarkt” die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt seit der Gründung der BRD angeschaut. Dabei haben wir gesehen: Die Anzahl der Frauen, die arbeiten, hat sich verdoppelt. Allerdings ist das Arbeitsvolumen – das heißt die insgesamt geleistete Arbeitszeit – gleichzeitig nur um 50 Prozent gestiegen.

Das heißt, Frauen arbeiten häufiger, vor allem aber in Teilzeit. In unserer jetzigen Studie sehen wir auch bei den jüngeren Frauen, die 1985 geboren sind, nur eine ganz leichte Erhöhung des Arbeitsvolumens. Im Grunde ändert sich also nicht viel. In Ostdeutschland sehen wir sogar, dass Frauen etwas weniger arbeiten. Das ist ein Hinweis darauf, dass sich die jüngeren Frauen der traditionelleren Rollenverteilung, wie sie in Westdeutschland schon vor der Wiedervereinigung existierte, angenähert haben.

Corona verschärft die Situation

Wird sich diese doppelte Ungerechtigkeit, mit der sich Mütter gegenüber Männern und kinderlosen Frauen konfrontiert sehen, in der Corona-Krise noch verstärken?

Ja, davon gehen wir aus. Einige Studien weisen jetzt schon auf eine Retraditionalisierung hin. Derzeit sehen wir, dass Frauen, die ohnehin schon in Teilzeit arbeiten, wegen der Corona-Krise ihre Stundenzahl weiter reduzieren, um die fehlenden Betreuungsmöglichkeiten aufzufangen. Selbst bei Paaren, die sich vor der Krise die Sorge- und Erwerbsarbeit gleich aufgeteilt haben, hat sich das Verhältnis verschoben – zulasten der Frauen. Und diese Entwicklung haben wir in unseren Berechnungen noch gar nicht eingepreist.

 

Von daher gehen wir davon aus, dass die Unterschiede in den Lebenserwerbseinkommen am Ende sogar noch größer ausfallen könnten. Vor allem, weil Frauen ja nicht nur die Arbeitszeit reduzieren: Weil sie häufiger in Minijobs arbeiten, ist die Gefahr größer, in Arbeitslosigkeit zu geraten. Außerdem arbeiten Frauen deutlich häufiger im Dienstleistungssektor, da wird seltener Kurzarbeitergeld aufgestockt. Das alles deutet darauf hin, dass sich die Lage deutlich verschärfen wird.

Jetzt haben Sie eindrucksvoll beziffern können, was Mütter an Einkommen verlieren. Was ist der Preis, den wir als Gesellschaft für diese Ungerechtigkeit zahlen?

Diese Ungleichheit ist nicht nur ungerecht, sie ist auch gesamtwirtschaftlich ineffizient.

“Haben wir wirklich die Möglichkeit, frei zu wählen?”

Können Sie das erläutern?

Es ist fraglich, ob wir es uns in Anbetracht des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels noch erlauben können, einen Großteil des Arbeitskräftepotenzials nicht auszuschöpfen. Und was wir auch sehen, ist, dass das finanzielle Risiko bei Frauen deutlich größer ist, auch was Altersarmut angeht. Die OECD hat vor einiger Zeit den Gender-Pension-Gap berechnet, also die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern. In Deutschland liegt der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der Rente bei 46 Prozent!

In keinem anderen entwickelten Land ist die Situation so schlecht. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 25 Prozent. Das ist natürlich nicht dramatisch, wenn der Partner eine üppige Rente hat und das auch mit seiner Frau gut ausklamüsert, wie sie sich das teilen. Wir wissen aber auch, dass viele Ehen geschieden werden. In solchen Fällen trägt dann das finanzielle Risiko häufig die Frau.

Manche sprechen von “Opportunitätskosten”, also dass Mütter selbst wählen, diesen Preis zu zahlen. Muss das denn überhaupt so sein, dass man als Mutter einen Preis zahlt?

Nein! Das muss auf gar keinen Fall so sein! Wir sehen etwa in den skandinavischen Ländern, dass dort die Sorge- und Erwerbsarbeit viel besser aufgeteilt wird, als wir es in Deutschland haben. Auch auf unsere Studie kam als Resonanz: Frauen wollen doch ihre Arbeitszeit reduzieren, und individuelle Präferenzen müssten auch respektiert werden. Da ist unsere klare Antwort, dass individuelle Präferenzen natürlich auch davon beeinflusst werden, wie das Rollenbild in der Gesellschaft ist und wie auch die Institutionen ausgestaltet sind.

Die Frage ist doch: Haben wir wirklich die Möglichkeit, frei zu wählen? Das Ehegattensplitting zum Beispiel macht es für Frauen oft sehr unattraktiv, mehr zu arbeiten. Gerade wenn die Frau weniger verdient als der Mann, lohnt es sich oft einfach nicht. Reduziert eine Frau also ihre Arbeitszeit oder weitet sie nicht aus, ist dies häufig zunächst einmal eine rationale Entscheidung der Familie. Doch dass Institutionen diese Entscheidung beeinflussen und dass sie von Menschen gemacht sind und wir sie ändern können, das dürfen wir dabei nicht vergessen.

Reform der Minijobs überdenken

Was können wir denn konkret ändern?

Zunächst brauchen wir eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Also einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung, bessere frühkindliche Bildung, und auch der gute Ganztag für Grundschulkinder sollte ausgeweitet werden. Darüber hinaus bedarf es rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen, die dafür sorgen, dass eine gleichmäßigere Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern möglich wird und auch nicht durch hohe Grenzbelastungen “bestraft” wird.

Wie kann das genau aussehen?

Es muss darum gehen, echte Wahlmöglichkeiten zu schaffen – für Mütter und Väter. Das fängt bei den Steuermodellen an, also weg vom Ehegattensplitting zum Beispiel hin zu einer Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag. Da werden schon viele Modelle diskutiert. Aus unserer Sicht ist auch eine Reform der Minijobs relevant.

 

Wir sehen, dass Frauen besonders häufig im Rahmen von Minijobs arbeiten und die kritische Schwelle von 450 Euro auch deshalb nicht überschritten wird, weil danach Sozialversicherungsbeiträge fällig werden. So entsteht kurzfristig der Anschein, dass sich Minijobs lohnen, langfristig aber sind die Einbußen groß.

Ich glaube auch, dass wir jetzt ein politisches Möglichkeitsfenster für gewisse Veränderungen haben. Wir sehen jetzt gerade ja einige Mauern bröckeln, die kürzlich noch als unumstößlich wahrgenommen wurden, Stichwort schwarze Null. Auch mit Blick auf die Bundestagswahl könnte jetzt vielleicht an gewissen Institutionen wie dem Ehegattensplitting gerüttelt werden.

Frauen sollten weiterhin selbstbewusst sein

Und was ist mit Veränderungen in den Unternehmen?

Die sind natürlich auch gefragt. Die Anreize, dass auch Männer in Elternzeit gehen, müssen in der Unternehmenskultur verankert werden. Eine Bekannte aus Schweden erzählte mir neulich, dass ihr Mann nicht in Elternzeit gehen wollte – und tatsächlich von seinen Kollegen dafür gerügt wurde. Der Tenor: Du kannst doch nicht deine Frau alles allein machen lassen! Das ist ein kultureller Wandel, den wir hier in Deutschland brauchen. Uns ging es nie darum zu sagen: Frauen müssen genauso viele Stunden arbeiten wie Männer! Wir fragen aber: Wie bekommen wir es hin, dass wir das gerechter aufteilen und nicht nur die Frau dafür auf dem Arbeitsmarkt zurücksteckt?

 

Was raten Sie einer jungen Mutter: Was kann sie gegen diese Einkommenseinbußen unternehmen?

Ich glaube, dass es wichtig ist, bei sich anzufangen, sich zu hinterfragen und sich auch der Zwänge bewusst zu werden, denen man nun mal unterliegt. Wir Frauen sind einfach deutlich besser abgesichert, wenn wir arbeiten. Ich würde Frauen immer dazu ermuntern, selbstbewusst zu sein und auch an sich und die eigene Karriere zu denken – etwa hinsichtlich der Frage, wer in Elternzeit geht. Ich weiß aber auch, dass es sich einige schlicht nicht leisten können, auf das Gehalt des Mannes zu verzichten.

Sie selbst sind noch keine 30. Was machen diese Studienergebnisse mit Ihnen?

Ich glaube, dass es jeder Frau, die diese Ergebnisse sieht, einen kleinen Stich versetzt und wie eine Art Realitätscheck funktioniert. Es gibt Studien, die zeigen, dass gerade hoch qualifizierte Frauen am Ende weniger Kinder bekommen, als sie sich eigentlich vorgenommen hatten. Das ist sicher auch die Konfrontation mit der Realität.

Ich verstehe es aber eher als Appell, zu überlegen, was wir jetzt verbessern können, damit es eben nicht mehr ein Entweder-oder ist, sondern ein Sowohl-als-auch. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass diverse Unternehmen und Teams erfolgreicher sind. Das heißt, wir Frauen können selbstbewusst an die Sache herangehen und sagen: Ich mache hier einen Unterschied!

Von Leonie Schulte/RND