Montag , 28. September 2020
Der US-Flugzeugbauer Boeing hat der Regierung nicht die nötigen Dokumente über Veränderungen eines Systems übergeben, das für zwei tödliche Abstürze von 737-Max-Maschinen verantwortlich gemacht wird. Quelle: Ted S. Warren/AP/dpa

Bericht: Boeing hat US-Flugaufsichtsbehörde nicht ausreichend informiert

Ein Regierungsbericht wirft Boeing vor, wichtige Dokumente zu einem Absturz-Flieger nicht der US-Flugaufsichtsbehörde mitgeteilt zu haben. Es geht um das Flugkontrollsystem des Modells 737 Max, das die Nase des Flugzeugs in bestimmten Situationen nach unten drückt. Es gilt als Grund für zwei verheerende Crashs mit Hunderten Toten.

Washington. Der US-Flugzeugbauer Boeing hat einem Bericht der Regierung zufolge den Regulierungsbehörden nicht die nötigen Dokumente über Veränderungen eines Systems übergeben, das für zwei tödliche Abstürze von 737-Max-Maschinen verantwortlich gemacht wird.

Die für die Genehmigung zuständigen Beamten wussten demnach nicht, wie stark das Flugkontrollsystem MCAS die Nase des Flugzeugs nach unten drücken konnte, hieß es in einem Bericht, der am Mittwoch veröffentlicht werden sollte.

Regierungsmitarbeiter wussten Bescheid

Regierungsmitarbeiter, die in Flugtests involviert waren, wussten über Veränderungen von MCAS (“Maneuvering Characteristics Augmentation System”) Bescheid. Die Ingenieure, die der Maschine Flugfähigkeit bescheinigten, hätten dies jedoch nicht gewusst, so der Bericht.

Ingenieure der US-Flugaufsichtsbehörde FAA untersuchten das Flugkontrollsystem erst nach dem ersten Absturz einer 737 Max im Oktober 2018 vor Indonesien im Detail. Bei dem Absturz sowie bei einem weiteren knapp fünf Monate später in Äthiopien drückte das System MCAS die Nase des Flugzeugs herunter und die Piloten waren nicht in der Lage, die Kontrolle wiederzuerlangen. Bei den Abstürzen wurden 346 Menschen getötet. Im Anschluss belegten Regulierungsbehörden weltweit die beinahe 400 Maschinen des Typs mit einem Flugverbot.

Der Bericht des amtierenden Generalinspekteurs des Verkehrsministeriums beinhaltet eine Beschreibung der Geschichte des Flugzeugtyps, vom Design 2012 bis zum Flugverbot 2019. Während der Entwicklung der Max hieß es von Boeing, MCAS werde nicht häufig aktiviert, deshalb wurde es nicht im Detail von der FAA überprüft.

Flugzeugbauer reichte Dokumente nicht ein

2016, als das Flugzeug Testflügen unterzogen wurde, veränderte Boeing das MCAS, um die Kraft zu vergrößern, mit der die Nase des Flugzeugs unter bestimmten Bedingungen nach unten gezogen wird. Dem Generalinspekteur zufolge reichte Boeing die Dokumente über die Veränderungen des Systems jedoch nicht bei der FAA ein.

Testflug-Personal der FAA wusste Bescheid, „aber wichtige Ingenieure für die Zulassung und Personal, das für den Grad des Pilotentrainings der Fluggesellschaften verantwortlich ist, sagte uns, ihnen seien die Veränderungen am MCAS nicht bewusst gewesen“, so der Generalinspekteur. Die FAA begann, ihre Zulassung des MCAS zwei Monate nach dem Absturz vor Indonesien zu überprüfen. Es war das erste Mal, dass Ingenieure der Behörde einen detaillierten Blick auf das System warfen, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Wie auch bei einer Anhörung vor dem Verkehrskomitee im Repräsentantenhaus im vergangenen Jahr deutlich wurde, schätzte die FAA, dass Maschinen des Typs Max 15 Mal häufiger abstürzten, wenn das MCAS-System nicht verbessert werde. Trotzdem ließ die Behörde das Flugzeug weiterhin fliegen, während Boeing an der Verbesserung der Software arbeitete. Diese sollte im Juli 2019 abgeschlossen sein. Der zweite Absturz geschah im März 2019.

Boeing beginnt wieder mit Zulassungsflügen

Über viele der Funde im Bericht des amtierenden Generalinspektors des Verkehrsministeriums ist schon zuvor berichtet worden. Doch der Bericht bietet weitere Beweise für Abgeordnete, die den Prozess der Genehmigung durch die FAA überarbeiten wollen.

In dieser Woche begannen Boeing und die FAA mit Zulassungsflügen mit Testpiloten der FAA. Wenn diese die Flüge als zufriedenstellend einstufen, könnten die Airlines die Maschine im Laufe dieses Jahres wieder einsetzen. Dies wäre ein großer Sieg für Boeing, selbst wenn das Unternehmen vor Dutzenden Klagen wegen rechtswidriger Tötung steht, die Familien von Opfern einreichten.

In einem Kommentar zu dem Bericht teilte die FAA mit, die Einschätzung des Generalinspekteurs werde „der FAA helfen, einige der Faktoren besser zu verstehen, die zu den Abstürzen beigetragen haben könnten, und sicherstellen, dass diese Art der Unfälle nie wieder geschehen“. Die Behörde teilte mit, an Verbesserungen der Flugzeugzulassung zu arbeiten.

Boeing-Sprecher Bernard Choi sagte, das Unternehmen stelle sicher, dass Verbesserungen der Max „umfassend und gründlich getestet“ würden. Wenn die Maschine wieder fliege, werde sie „eine der am sorgfältigsten geprüften Flugzeug der Geschichte sein und wir haben volles Vertrauen in seine Sicherheit“.

RND/AP