Samstag , 8. August 2020
Ein sattes Hopfenfeld und ein frisch gezapftes Bier: Zwei Dinge, die dieses Jahr nicht so gefragt sind. Der Corona-Sommer verbietet Veranstaltungen - und muss der viele aufblühende Hopfen gelagert werden, statt verarbeitet. Quelle: imago/Eibner/dpa/RND Montage Behrens

Durststrecke in der Bierwirtschaft: Sind Hopfen und Malz verloren?

Die Pandemie setzt Hopfenpflanzern und Bierbrauern gleichermaßen zu. Experten rechnen 2020 mit global mindestens einem Zehntel weniger Bierausstoß. Helfen könnte eine schlechte Hopfenernte.

Hannover. Kaum jemand kennt die globale Bierbranche besser als der weltgrößte Hopfenvermarkter Barth-Haas aus Nürnberg. Glaubt man Firmenchef Stephan Barth steht Brauern und Hopfenpflanzern wegen der Pandemie eine jahrelange Durststrecke bevor. “Es wird bis 2023 dauern bis wir wieder auf ein Niveau wie vor Corona kommen”, schätzt der Experte. Die weltweite Bierproduktion, die 2019 noch um ein halbes Prozent auf gut 1,9 Milliarden Hektoliter wuchs, werde dieses Jahr wegen der Pandemie mindestens um ein Zehntel einbrechen, der Hopfenbedarf sogar um bis zu ein Fünftel.

Letzteres hat damit zu tun, dass derzeit vor allem handwerklich gebraute Craftbiere leiden, die viel Hopfen benötigen. “Unsere Branche wurde in ein künstliches Koma versetzt”, beschreibt Barth die wenig berauschende Lage.

Viele deutsche Brauereien in Kurzarbeit

Er meint damit wochenlang geschlossene Gastronomie und hier zu Lande bis Ende Oktober untersagte Großveranstaltungen. Holger Eichele fürchtet, dass Barth mit einer dreijährigen Erholungsphase auch mit Blick auf den heimischen Markt ziemlich richtig liegt. “Das hat seine Berechtigung”, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds (DBB) zur düsteren Schätzung. Fast neun von zehn deutschen Brauereien hätten Kurzarbeit angemeldet. Per Ende April sei der Bierabsatz um fast ein Fünftel eingebrochen. Bei kleinen Brauereien ist er gar um gut ein Drittel geschrumpft, was Existenznot schafft.

Tausende Tonnen Hopfen verkommen nun

“Die großen Probleme beginnen aber erst mit der Hopfenernte 2021”, fürchtet Barth. Denn dieses Jahr will er per Vorvertrag vereinbarte Liefermengen ohne Murren von Pflanzern übernehmen und drohende Überproduktion einlagern. Hopfen ist etwa fünf Jahre lagerfähig. Es gehe um mehrere tausend Tonnen Hopfen, die Brauer mangels Nachfrage dieses Jahr nicht brauchen, schätzt Barth. Die deutsche Hopfenernte betrug zuletzt 48.000 Tonnen. Noch verhandelt werden müssten aber dann die Ernten ab 2021. Bis dahin dürfte die Brauwirtschaft aber nicht wieder richtig auf die Beine gekommen sein. Weniger Hopfennachfrage könnte dann auf übervolle Hopfenläger aus der diesjährigen Ernte treffen, was es für Pflanzer ungemütlich machen würde.

Schlechte Hopfenernte käme der Branche entgegen

Hilfreich wäre in dieser Lage eine schlechte Ernte, die die Branche in Vorjahren stets gefürchtet hat. Danach sieht es aber nicht aus. Es droht eine reiche Ernte zur Unzeit. “Die Situation in der Hallertau ist gut, es hat geregnet, die Dolden schauen prächtig aus”, sagt Adi Schapfl als Präsident des Verbands Deutscher Hopfenpflanzer. Hopfen, der hier zu Lande vor allem in der bayerischen Hallertau angebaut wird, braucht in der aktuellen Phase seines Wachstums Regen.

Die drohende Hopfenüberproduktion wird durch das Wetter also eher noch verstärkt. Pleiten befürchten deutsche Hopfenpflanzer wegen nicht in Frage gestellter Abnahmeverträge für die Ernte 2020 zwar erst einmal nicht. Wie es aber nächstes Jahr aussieht, weiß niemand genau. “Wir fahren durch eine Nebelwand”, beschreibt Eichele die Lage.

Auch die ausländischen Märkte leiden – Exporte brechen weg

Da hilft es wenig, dass die Branche in anderen Ländern noch mehr leidet. In Mexiko, das in der Riege der Braunationen auf Rang vier einen Platz vor Deutschland mit seinen im Vorjahr 92 Millionen Hektoliter Bierausstoß rangiert, hat die Regierung die Bierproduktion in der Pandemie als nicht systemrelevant eingestuft und sie über Wochen hinweg verboten. Auch die mexikanische Biermarke Corona ist davon betroffen und im Gegensatz zum gleichnamigen Virus nun Mangelware geworden. Produktionsverbote für Bier gab es auch in Indien und Thailand.

Für deutsche Hopfenpflanzer sind Auslandsmärkte extrem wichtig. Vier Fünftel einer heimischen Ernte gehen traditionell in den Export. Dazu kommt, dass der Hopfen für die Biere dieser Welt fast ausschließlich in der Halltertau und einem US-Anbaugebiet geerntet wird. Kommen Pflanzer dort im großen Stil in Existenznöte, feuert das unweigerlich auf die gesamte Brauwirtschaft zurück. “Es werden spaßbefreite Jahre”, prognostiziert Barth mit Blick in die nahe Zukunft. Niemand widerspricht ihm.

Von Thomas Magenheim/RND