Dienstag , 20. Oktober 2020
Die Klimaforscherin Antje Boetius dringt auf einen Umbau der Wirtschaft. Quelle: imago images/Jan Eifert

Klimaforscherin: Es reicht nicht, weniger zu konsumieren

Der Corona-Lockdown hat dem Klima eine Atempause verschafft. Doch die Klimaforscherin Antje Boetius warnt, dass es nicht reiche, weniger zu reisen, zu konsumieren und zu produzieren. Stattdessen müsse die Wirtschaft dringend klimaneutral werden.

Bremerhaven. Die Meeresbiologin und Klimafolgen-Forscherin Antje Boetius drängt auf einen klimaneutralen Umbau der Wirtschaft. Die Industrieproduktion und das Transportwesen müssten so umgestellt werden, dass sie nicht mehr Treibhausgas ausstoßen als sie verbrauchen, sagte Boetius. Zudem müssten die Menschen energieeffizienter wohnen und bauen. Der Corona-Lockdown zeige, dass es nicht ausreiche, weniger zu produzieren und zu konsumieren. Durch den mehrmonatigen Stillstand in Industrie und Verkehr würden voraussichtlich 2020 nur sieben Prozent CO2 eingespart. “Das reicht nicht für das internationale Ziel, bis 2050 klimaneutral zu leben.”

Klimaforscherin: Der Klimawandel ist schon da

Die Politik müsse schnell einen Plan entwickeln für Investitionen zum Umbau der Energie-, Transport- und Produktionssysteme, sagte die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Ebenso brauche es einen Plan zur Anpassung an die Extreme des Klimawandels wie Dürren, Fluten, Stürme: „Wenn man darüber nachdenkt, wie viel Zeit es kostet, um neue Infrastrukturen in Betrieb zu nehmen, ist klar, dass jetzt geplant und gebaut werden muss, was wir in 30 Jahren brauchen, um etwa mit zunehmendem Extremwetter und Meeresspiegelanstieg klarzukommen.“ Die Wirtschaft brauche verlässliche Rahmenbedingungen.

Der Klimawandel sei schon da und habe in den letzten Jahren ähnlich viele Tote verursacht hat wie die Corona Pandemie bisher, mahnte Boetius. Dennoch werde die Atmosphäre weiterhin „wie eine kostenfreie Müllhalde genutzt“. Konjunkturprogramme müssten stärker an die Nutzung regenerativer Energien und Ressourcen gekoppelt werden. Die Trägerin des Deutschen Umweltpreises von 2018 hält die von der Bundesregierung beschlossene CO2-Bepreisung für zu niedrig. Sie hätte sich „einen Einstiegspreis von 50 statt 25 Euro pro Tonne CO2 gewünscht und eine dynamische Zunahme ohne Deckel bei 65 Euro“.

“Verzicht ist nicht die Lösung”

Boetius verwies auf Initiativen, Dörfer, Städte und Regionen, die auf eigene Faust mit dem Infrastrukturumbau bereits begonnen hätten. „Auch neue Ansätze beim Naturschutz geben mir Hoffnung: Einige Menschen haben angefangen, weltweit Naturlandschaften, zum Beispiel Wälder, aufzukaufen, aufzuforsten und vor Rodung und Wilderei zu schützen, indem Anwohner Jobs im Umweltschutz und im grünen Tourismus bekommen – und die Bewegung wächst.“

Sie selbst versuche grundsätzlich energieeffizient zu leben, betonte die Meeresbiologin, die dienstlich viel unterwegs ist. Ihre Defizite beim Reisen, aber auch beim Wohnen in einer kaum gedämmten Altbauwohnung kompensiere sie mit monatlichen Beiträgen an die Non-Profit-Organisation Atmosfair, die die Mittel für Klimaschutzprojekte einsetzt. Als Verzicht empfinde sie das alles nicht. Individueller Verzicht sei auch nicht die Lösung. Boetius plädiert vielmehr dafür, beim Thema Wohlstand umzudenken. Wohlstand sei für sie „das Bewusstsein, dass wir mit unserem einen Planeten Erde so umgehen, dass wir uns an einer gesunden Natur freuen können und an sauberen Meeren“.

RND/epd