Dienstag , 29. September 2020
Bei der außerordentlichen Hauptversammlung war nur die oberste Führungsriege anwesend – die Aktionäre waren digital zugeschaltet. Quelle: Oliver Roesler/Lufthansa/dpa

Die Lufthansa steht vor dem großen Durchbruch

Der Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Ludwig Kley hat sich schon geäußert, genauso Firmenchef Carsten Spohr. Beide appellieren an die Aktionäre, den Einstieg des Staats bei der Fluggesellschaft zuzulassen und damit das Stabilisierungspaket auf den Weg zu bringen. Für die Lufthansa wäre das die Rettung vor der Insolvenz.

Auch für Karl-Ludwig Kley müssen es anstrengende Wochen gewesen sein. Die Verhandlungen über das Rettungspaket seien häufig wie eine Achterbahnfahrt gewesen, wobei öfter auch die Achterbahn während der Fahrt gewechselt wurde, so der Aufsichtsratschef der Lufthansa zu Beginn der außerordentlichen Hauptversammlung. Einziger Tagesordnungspunkt: das neun Milliarden Euro schwere staatliche Rettungspaket. Kley versäumte es wie auch Konzernchef Carsten Spohr nicht, auf die historische Dimension der Angelegenheit zu verweisen – in einer Reihe mit der Gründung (1926), der Neugründung (1955) und der Privatisierung (1997) des Unternehmens. Und beide appellierten unisono an die Aktionäre, dem Konzept zuzustimmen, weil es keine Alternative gebe.

Europas größte Airline-Gruppe musste wegen Corona ihren Flugbetrieb zeitweise fast vollständig einstellen. Kley sagte: “Jetzt haben wir kein Geld mehr.” Er machte klar, dass das gesamte Kapital, das der Staat nun zur Verfügung stelle, zurückgezahlt werden müsse. Das sei schön für den Steuerzahler, bringe aber für das Unternehmen erhebliche finanzielle Belastungen.

Keine politischen Eingriffe in das operative Geschäft

Der dickste Brocken ist eine stille Einlage in Höhe von 5,7 Milliarden Euro, die die Lufthansa zurückzahlen und für die sie bis dahin Zinsen zahlen muss. Außerdem erhält der Konzern einen Kredit über 3 Milliarden Euro, die kommen von einem Bankenkonsortium unter Führung der staatlichen KfW, die auch für 80 Prozent des Darlehens geradesteht. Und schließlich erwirbt der Bund für 300 Millionen Euro frische Aktien zum Vorzugspreis von 2,56 Euro. Gestern lag das Papier bei 10 Euro. Der Rabatt soll helfen, dass der Staat die Papiere mit Gewinn wieder abstoßen kann. Die Anteilscheine bringen eine Beteiligung des Staates von 20 Prozent und zwei Sitze im Aufsichtsrat. Kley betonte, es seien ein schneller Ausstieg und keine politischen Eingriffe in das operative Geschäft geplant.

Spohr sekundierte mit dem Hinweis, dass es ohne staatliche Hilfe nicht gelungen wäre, ausreichend Geld zur Rettung aus der Malaise zu erhalten, in die sein Unternehmen “unvermittelt und unverschuldet” geraten sei. Der Kapitalmarkt sei nicht bereit, ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen. Ohne die Unterstützung des Bundes sei eine baldige Insolvenz des Unternehmens unabwendbar, und dies werde neben anderen Risiken für die Anteilseigner einen vollständigen Verlust ihres Aktienkapitals bedeuten.

Großaktionär lenkt ein

Das ist inzwischen offenbar auch Heinz Hermann Thiele klar geworden. Der Großaktionär hat sich in den vergangenen Wochen ein Aktienpaket von 15,5 Prozent zusammengekauft. Mit diesem Anteil hätte er die Zustimmung der Eigner blockieren können – eine Zwei-Drittel-Mehrheit der virtuell auf der Hauptversammlung Anwesenden war notwendig. Mit einem Nein drohte er denn auch. Sein Ziel war, Nachverhandlungen zu erzwingen. Doch sein Coup scheiterte. Am Mittwochabend lenkte er ein und kündigte sein Jawort an.

Nach der Hauptversammlung stehen am Freitag Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern des Bodenpersonals und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi an. Spohr sprach von einem bislang enttäuschenden Verlauf. Es müssten schnell große Fortschritte erzielt werden, wenn der “Personalüberhang am Boden” nicht in betriebsbedingte Kündigungen münden solle. Erfreulicher sei es bei den Flugbegleitern gelaufen. Man habe eine Absenkung der Personalstückkosten um 17 Prozent für den Krisenzeitraum erreicht. Der Kompromiss wurde in der Nacht zu Donnerstag erzielt. Das Paket umfasst laut der Kabinengewerkschaft Ufo einen vierjährigen Schutz für betriebsbedingte Kündigungen sowie ein Einsparvolumen von über einer halben Milliarde Euro bis Ende 2023. Laut Lufthansa werden unter anderem Anhebungen von Vergütungen ausgesetzt sowie die Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung zeitweise reduziert.

Mit den Piloten peilt Spohr nun ein ähnliches Ergebnis an. Die Flugzeugführer hatten bereits einen Lohnverzicht von rechnerisch bis zu 45 Prozent angeboten, das könnte sich auf maximal 350 Millionen Euro summieren. Spohr geht davon aus, dass etwa 22.000 Beschäftigte weltweit das Unternehmen verlassen müssen, davon die Hälfte in Deutschland. Insgesamt sind bei der Lufthansa 138.000 Frauen und Männer beschäftigt.

Airline muss Start- und Landerechte abgeben

Ein weiterer Mosaikstein: Die Wettbewerbshüter der EU-Kommission haben am Donnerstag das Paket genehmigt. Die Freigabe der Hilfen zur Rekapitalisierung (stille Beteiligung plus Staatsaktien) unterliegen allerdings der Bedingung, dass Wettbewerbsverzerrungen dadurch vermieden werden. So muss die Airline wertvolle Start- und Landerechte an den wichtigsten Flughäfen in Frankfurt und München abgeben. Dies soll es Konkurrenten ermöglichen, dort neue Basen mit jeweils bis zu vier Flugzeugen aufzubauen. Zudem gilt die Auflage, dass keine Dividenden an die Aktionäre und keine Boni an die Manager während der Sanierung gezahlt werden.

Der Billigflugrivale Ryanair kündigte postwendend eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof an. Das Volumen der Hilfen sei überzogen, es diene dazu, kleinere Konkurrenten zu schlucken, um damit den Wettbewerb einzuschränken, teilte Ryanair mit.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND