Donnerstag , 29. Oktober 2020
Im Fokus der Kritik: Roundup, ein glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel des US-Unternehmens Monsanto (gehört zu Bayer), steht in einem Regal in einem Baumarkt. Quelle: Reed Saxon/AP/dpa

Bayer blickt nach Glyphosat-Vergleich optimistisch in die Zukunft

Bayer will mit einem milliardenschweren Deal das Kapital Glyphosat endgültig schließen. Der Konzern dürfte nun wieder optimistischer in die Zukunft blicken können. Denn finanziell ist Bayer trotz der hohen Rechtskosten gut gerüstet. Auch bei Analysten überwiegt der Optimismus.

Leverkusen. Mit einem milliardenschweren Vergleich will der Bayer-Konzern die meisten seiner rechtlichen Probleme in den USA hinter sich lassen. Dafür muss der Dax-Konzern mehr als zehn Milliarden Euro aufbringen. Dabei geht es vor allem um angebliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat.

Mit dem Kompromiss sollen Bayer zufolge etwa 75 Prozent der aktuellen Roundup-Verfahren abgeschlossen werden – mit insgesamt etwa 125.000 eingereichten und nicht eingereichten Klagen. Auch die restlichen Verfahren sollten in den kommenden Monaten zum Abschluss kommen. “Wir können die Unsicherheit beseitigen”, sagte Konzernchef Werner Baumann der “ntv”-Redaktion. “Wir haben eine Lösung für große Rechtsfälle, die wir jetzt vergleichen. Und damit können wir uns jetzt auf die Zukunft ausrichten.”

Bayer ist dafür nach eigenen Angaben bereit, insgesamt 10,1 bis 10,9 Milliarden US-Dollar (9,1 bis 9,8 Milliarden Euro) zu zahlen. Damit solle der überwiegende Teil der vielen Glyphosat-Verfahren in den USA aus der Welt geschafft und zugleich drohenden Rechtsrisiken vorgebeugt werden. Enthalten sei auch eine Pauschale, mit der Ansprüche abgedeckt werden sollen, die noch nicht beigelegt sind sowie 1,25 Milliarden Dollar, um eine separate Vereinbarung für potenzielle künftige Klagen zu ermöglichen.

Analysten sehen Kurspotenzial

An der Börse reagierten Anleger am “Tag danach” zwiegespalten. Bayer-Aktien stiegen auf der Handelsplattform Tradegate zunächst vorbörslich um fast 9 Prozent, bewegten sich im regulären Handel aber dann kaum noch. Ein Börsianer sprach vom klassischen “Sell on good news”. Die Anleger hätten sich nach den jüngsten Signalen bereits auf einen nahen Vergleich einstellen können und entsprechend positioniert. Die Bestätigung werde nun zum Verkauf genutzt.

Langfristig aber sehen Analysten gehöriges Kurspotenzial bei der Bayer-Aktie: Die Deutsche Bank hat die Einstufung für Bayer auf “Buy” mit einem Kursziel von 85 Euro belassen. HSBC hat Bayer dagegen von “Hold” auf “Buy” hochgestuft. Das Kursziel hob Analyst Stephen McGarry von 70 auf 85 Euro an. Er habe bei Bayer bisher mit einer Belastung von 20 Milliarden Euro kalkuliert, die er nun deutlich auf zwölf Milliarden Euro senken könne, so seine Begründung.

Aus der Schweiz meldete sich die UBS zu Wort und beließ das Kursziel bei 110 Euro, während die Analysten der Baader Bank ebenfalls zum Kauf weiter raten und das Bayer-Kursziel bei 105 Euro sehen. Seitens der Charttechnik scheinen diese Kursziele auch (wieder) realistisch zu sein.

Aktie im Aufwärtsrtrend

Mitte Juni konnte die Bayer-Aktie die für Langfrist-Anleger wichtige 200-Tage-Linie nach oben durchkreuzen. Per Definiton bewegt sich damit die Chemie-und Pharma-Aktie wieder in einem Aufwärtstrend, nachdem sie im März noch auf einem 8-Jahres-Tief bei rund 45 Euro notiert hatte. Dass es mit Bayer an der Börse wieder ruhiger zugehen könnte, hat die Aktie der aktuellen positiven Nachrichtenlage zu verdanken.

Der jüngste Schritt sei kein Schuldeingeständnis, sondern die vernünftigste Lösung für das Unternehmen, sagte Konzernchef Baumann in einer Telefonkonferenz mit Journalisten am Mittwochabend. Man wolle nach vorne blicken und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Auf angebotene Produkte oder den künftigen Einsatz von Glyphosat solle die Einigung keinen direkten Einfluss haben, hieß es.

Der Konzern erzielte im Zuge des Kompromisses auch Einigungen bei weiteren US-Klagen, die etwa den umstrittenen Unkrautvernichter Dicamba betreffen. Um Verfahren wegen Verwehungen dieses Herbizids und dadurch angeblich verursachte Ernteschäden loszuwerden, wird Bayer nach eigenen Angaben bis zu 400 Millionen Dollar (354 Mio Euro) zahlen. Die bei einem Gericht in Missouri gebündelten Klagen betreffen demnach die Erntejahre 2015 bis 2020. Bayer erwarte einen Beitrag des mitverklagten Wettbewerbers BASF zu diesem Vergleich.

Bayer nimmt die teuren Rechtskosten in Kauf

Weitere etwa 820 Millionen Dollar will Bayer in die Hand nehmen, um den wesentlichen Teil der US-Verfahren wegen des Umweltgifts PCB beizulegen. Hierbei geht es um mit Chemikalien verseuchte Gewässer. Kläger hatten dem inzwischen zu Bayer gehörenden US-Unternehmen Monsanto vorgeworfen, verheerende Folgen toxischer Schadstoffe für Natur und Lebewesen verschwiegen zu haben. Monsanto sei von 1935 bis 1977 der einzige Hersteller von Polychlorierten Biphenylen (PCB) in den USA gewesen. 1979 wurde die Chemikalie dort verboten. In Deutschland ist das seit Ende der 1980er Jahre der Fall.

Die teuren Rechtskosten, die Bayer nun in Kauf nimmt, um reinen Tisch zu machen, sind allein der Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto geschuldet. Der Leverkusener Dax-Konzern hatte sich 2018 mit dem über 60 Milliarden Dollar teuren Kauf des Unternehmens immense Rechtsrisiken im Zusammenhang mit Glyphosat und anderen Agrarprodukten ins Haus geholt. Nachdem Bayer in den ersten drei Glyphosat-Prozessen in den USA hohe Schadenersatz-Urteile kassiert hatte, warfen immer mehr Menschen dem Konzern vor, durch die Verwendung von Monsantos Unkrautvernichtern Krebs bekommen zu haben.

Bildung eines unabhängigen Wissenschaftsgremiums geplant

Die Klagen stützen sich wesentlich auf eine Einschätzung der WHO-Krebsforschungsagentur IARC, die Glyphosat 2015 – im Gegensatz zu anderen Behörden – als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen eingestuft hatte. Die Leverkusener wiesen die Vorwürfe stets zurück und bekamen dabei Rückendeckung von der US-Umweltbehörde EPA, die Glyphosat bei vorschriftsmäßigem Gebrauch nicht als Gesundheitsrisiko einstuft. Die Berufungsprozesse zu den drei bereits kassierten Schuldsprüchen in den USA sollen trotz des Vergleichs weiterlaufen.

Mit Blick auf mögliche künftige Glyphosat-Fälle solle ein unabhängiges Wissenschaftsgremium gebildet werden, hieß es von Bayer. Das soll entscheiden, ob und wenn ja, ab welcher Dosis, Roundup Lymphdrüsenkrebs verursachen könne. Kläger und Bayer seien dann daran gebunden.

Die Glyphosat-Klagewelle hatte Bayer an der Börse unter Druck und die Konzernführung um Baumann in die Kritik gebracht. Man könne sich zwar darüber ärgern, für ein eigentlich unbedenkliches Produkt eine riesige Menge Geld aufbringen zu müssen, sagte Baumann nach der Verkündung des Vergleichs. „Ich bin aber sehr erleichtert, dass wir diese Phase der Unsicherheit nun hinter uns lassen können.“

Bayer steht finanziell gut da

Finanziell ist der Konzern gut gerüstet: Allein der Verkauf der Tiermedizin soll Bayer 7,6 Milliarden Dollar einbringen – den Großteil davon in bar, einen kleineren Teil in Aktien des Käufers Elanco. Mit den Zahlungen will Bayer noch in diesem Jahr beginnen.

Die Grünen nahmen die Einigung hingegen zum Anlass, erneut für ein schnelles, nationales Verbot von Glyphosat für den privaten Verbrauch zu werben. Der im Koalitionsvertrag versprochene Ausstieg müsse endlich vorangetrieben werden, mahnte der Obmann der Grünen im Bundestag, Harald Ebner. „Die Vergleichseinigung zu Glyphosat zeigt klar: Das giftige Erbe von Monsanto kommt Bayer teuer zu stehen.“

RND/dpa/casc