Freitag , 30. Oktober 2020
Etwa jeder vierte Arzt bietet eine Behandlung per Video-Sprechstunde an. Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi

Gestiegene Kosten: Private Krankenversicherer klagen über Corona-Last

Niedergelassene Ärzte beklagen mangelnde Beteiligung privater Krankenversicherer im Kampf gegen die Pandemie. Deren Verband PKV widerspricht und behauptet, die privaten Krankenversicherungen würden die Hauptlast der Pandemie in Deutschland tragen.

München. Viele Arztpraxen bleiben während der Corona-Pandemie leer, weil sich Patienten vor Ansteckung fürchten. Private Krankenversicherer würden Ärzte in dieser Situation im Regen stehen lassen, klagen betroffene Mediziner. Ralf Kantak widerspricht. “In der ambulanten Versorgung unterstützen Privatversicherte die Ärzte und Zahnärzte aktuell mit einem zusätzlichen Betrag von insgesamt deutlich über 300 Millionen Euro allein für Hygienemaßnahmen”, betont der Chef des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV).

Jeden Monat steige diese Summe um rund 100 Millionen Euro. Insgesamt trügen private Krankenversicherer inklusive Corona-Test und Beteiligung an Rettungsschirmen für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen Corona-Lasten von einer Milliarde Euro.

Videosprechstunden mit dem Arzt werden von den Kassen übernommen

Überhaupt findet Kantak, dass Deutschland sich ohne das duale Gesundheitssystem aus gesetzlichen und privaten Versicherern nicht so gut schlagen würde. Das fange bei den Laboren an, die nun so rasch wie zuverlässig Coronatests durchführen. Ohne den PKV-Mehrumsatz der letzten Jahre wären sie nicht so modern ausgestattet und leistungsfähig, argumentiert der Lobbyist. PKV-Direktor Florian Reuther unterstreicht das an einem aktuellen Beispiel. Während gesetzliche Krankenkassen derzeit etwa 40 Euro pro Coronatest vergüten würden, zahlten private Krankenversicherer den Laboren dafür mit 147 Euro deutlich mehr.

Ohne Privatversicherung gebe es in Deutschland auch keine so große Zahl an Einbettzimmern, weil die allein mit gesetzlicher Versicherung nicht finanzierbar wären, sagt Kantak. Einzeln untergebrachte Corona-Patienten unterdrückten aber stärkere Ausbreitung des Virus. Auch den aktuellen Durchbruch von Videosprechstunden per Internet schreibt sich der Verband auf die Fahnen. Private Krankenversicherer würden schon seit 2015 für ihre Klientel die Kosten für Arztbesuche per Handy und Computer übernehmen. Damit habe man ein System geschaffen, das nun gesetzliche Kassen für ihre Versicherten kostenfrei übernehmen. Etwa jeder vierte niedergelassene Arzt bietet aktuell Videosprechstunden an. Das ist mehr als eine Verzehnfachung gegenüber der Zeit vor dem Pandemieausbruch.

Beiträge für private Krankenkassen könnten 2021 steigen

Anders als vielfach erwartet sieht der PKV-Verband keine allgemein stark sinkenden Leistungsausgaben. Bei Verbandsmitgliedern werde derzeit unter anderem der Posten Krankentagegeld sehr stark in Anspruch genommen, sagt Reuther. Unter dem Strich seien die Ausgaben für Leistungen stabil bis leicht steigend. Zudem geht der Verband davon aus, dass aufgeschobene Behandlungen im Jahresverlauf vielfach noch nachgeholt werden. Es sei aber noch zu früh, um eine verlässliche Corona-Bilanz zu ziehen.

Deshalb lässt der Verband offen, ob 2021 coronabedingt die Beiträge steigen. Unklar sei auch, ob sich der jüngste Trend zu wieder mehr privat Krankenversicherten im Corona-Jahr 2020 fortsetzt. 2019 betrug der Saldo zu Gunsten der PKV 17.400 Krankenversicherte. 2018 hatten private Krankenkassen den gesetzlichen unter dem Strich 800 Versicherte abgenommen und damit das erste Plus seit Jahren erzielt. Insgesamt sind hier zu Lande rund 35 Millionen Patienten privat versichert.

Von Thomas Magenheim/RND