Dienstag , 22. September 2020
Der ehemalige Vorstandschef von Wirecard, Markus Braun, ist gegen eine Kautionszahlung und unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Quelle: Tobias Hase/dpa

Ex-Wirecard Chef Braun bezahlt Kaution – gefeuerter Vorstand Marsalek auf den Philippinen?

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun hat seine Kaution bezahlt und ist wieder auf freiem Fuß. Spekulationen gibt es dagegen um seinen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Jan Marsalek, eine Schlüsselfigur des Skandals. Die Indizien häufen sich, dass Marsalek möglicherweise auf den Philippinen ist. Dort sind 1,9 Milliarden Euro verschwunden.

Der im Milliardenskandal beim Dax-Konzern Wirecard unter Verdacht stehende frühere Vorstandschef Markus Braun hat die fünf Millionen Euro Kaution für seine Freilassung aus der Untersuchungshaft bezahlt. Das sagte ein Sprecher des Münchner Amtsgerichts am Mittwoch auf Anfrage der dpa. Das Geld sei noch am Dienstagnachmittag hinterlegt worden, Braun wurde anschließend auf freien Fuß gesetzt.

Der Österreicher ist nun auch nicht mehr größter Aktionär von Wirecard, nachdem er einen Großteil seiner einst sieben Prozent Aktienanteil verkauft hat. Das geht aus einer Wirecard-Pflichtmitteilung an die Börse hervor. Braun war gemessen an seinen Aktien einmal Milliardär, bleibt aber rechnerische Multimillionär. Spekulationen gibt es indessen um seinen ehemaligen Vorstandskollegen Jan Marsalek, den Wirecard jüngst fristlos gefeuert hat.

Gibt es einen Haftbefehl gegen Marsalek?

Jan Marsalek war lange Jahre die rechte Hand des ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun. Zudem ist er für das Asiengeschäft des um seine Existenz bangenden Dax-Konzerns zuständig gewesen, wo das Epizentrum aller mutmaßlichen Betrügereien liegt. Der philippinische Justizminister Menardo Guevarra vermutet ihn im ostasiatischen Inselstaat, meldet die Nachrichtenagentur Reuters. Er sei vom 3. bis 5. März dort gewesen und es gebe einige Hinweise, dass er vor kurzem zurückgekehrt sei und sich noch immer dort aufhält, erklärte der Minister. Gegen Marsalek ermittelt seit Anfang Juni die Staatsanwaltschaft. Ob gegen ihn ein Haftbefehl wie gegen Braun vorliegt, lässt die Justiz offen. Es gilt als wahrscheinlich, womit der von Wirecard gefeuerte Manager auf der Flucht wäre.

Marsalek will auf den Philippinen angeblich wichtige Dokumente beschaffen, die zur Aufklärung des Falls beitragen können, will die Süddeutsche Zeitung erfahren haben. Ein Auslieferungsabkommen mit Deutschland haben die Philippinen nicht. Die philippinische Einwanderungsbehörde habe “Merkwürdiges” zu Marsalek in der Datenbank gefunden, erklärte Guevarra ohne genauer zu werden. Auch philippinische Behörden ermitteln im Wirecard-Skandal.

Der Ex-Vorstand von Wirecard war auch für die Auswahl des Treuhänders verantwortlich, der die Treuhandkonten bei den beiden philippinischen Banken BDO und BDI hätte einrichten sollen. Dort sollten eigentlich gut 1,9 Milliarden Euro lagern, die Wirecard als Sicherheit für bargeldose Zahlungsdienstleistungen dienen. Die Konten existieren aber nicht. Dokumente, die ihre Existenz zunächst bestätigt haben, erwiesen sich als Fälschung. Die enorme Geldsumme ist bislang unauffindbar. Marsalek ist damit eine Schlüsselfigur des ausufernden Skandals, der mittlerweile auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin zu einer Ausweitung ihrer Strafanzeige gegen Wirecard veranlasst hat.

Schicksal von Wirecard könnte sich diese Woche entscheiden

Anfang Juni hatte die Bafin bei der Staatsanwaltschaft München Anzeige wegen irreführenden Aussagen in zwei Wirecard-Pflichtmitteilungen erstattet. In einer Nachtragsanzeige zieht die Bafin nun auch die Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 in Frage. Es bestehe der Verdacht, dass dort Umsätze und Vermögensgegenstände überhöht und damit falsch dargestellt worden sind. Das deckt sich mit Erkenntnissen von Wirtschaftsprüfern und Staatsanwälten.

Das Schicksal von Wirecard selbst könnte sich indessen diese Woche entscheiden. Im Fokus steht dabei ein Ende Juni auslaufender Kredit eines Bankenkonsortiums über zwei Milliarden Euro. Sollte er nicht verlängert werden, droht Wirecard ein existenzgefährdender Liquiditätsengpass. Die Banken müssten dann aber wohl auch ihre zwei Milliarden Euro abschreiben, weshalb sie an einem Überleben von Wirecard interessiert sind. Möglicherweise reicht ein Entgegenkommen der Banken dafür nicht mehr aus. Denn nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg wenden sich erste Wirecard-Kunden vom Unternehmen ab.

Genannt werden unter anderem ein Fahrdienstleister aus Singapur und der französische Telekomkonzern Orange. Kritisch wird es für Wirecard, falls auch Kreditkartenanbieter ihre Kooperation mit dem Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München aufkündigen. Wirecard verfügt über eine eigene Banklizenz und gibt über Visa, Mastercard & Co eigene Karten aus. Bricht Wirecard das Geschäft weg, weil Kunden im großen Stil von der Fahne gehen, kann auch eine Verlängerung der Kreditlinien nichts mehr retten.

Von Thomas Magenheim/RND