Freitag , 18. September 2020
Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun. Quelle: Lino Mirgeler/dpa

Ex-Wirecard-Chef Braun musste Aktien verramschen

Es klingt wie der große Reibach, aber Markus Braun sieht es wahrscheinlich als das schlechteste Geschäft seines Lebens: Der frühere Wirecard-Chef hat Millionen Aktien seines Unternehmens verkauft. Es blieb ihm offenbar nichts anderes übrig.

Markus Braun war einmal Milliardär – auf dem Papier. Das war im Herbst 2018, als die von ihm geführte Wirecard AG auf dem Sprung in den Dax war und ihr Aktienkurs auf Rekordjagd: 193 Euro kostete ein Wirecard-Papier in der Spitze, und Braun besaß mehr als acht Millionen davon im Gesamtwert von 1,6 Milliarden Euro. Der Wirtschaftsinformatiker war wenige Jahre nach der Gründung zu dem Technologieunternehmen gekommen und hatte es in nicht einmal zwei Jahrzehnten zum weltweit agierenden Vorzeige-Fintech gemacht. Und das Beste sah Braun erst noch kommen: Als es sein Unternehmen auf allseits bestaunte 23 Milliarden Euro Börsenwert brachte, sagte er eine Vervierfachung voraus. Inzwischen ist nur noch ein Zehntel übrig: Der Wirecard-Kurs stürzte ab, weil ein Treuhandkonto mit 1,9 Milliarden Euro nicht zu finden ist. Ob es Konto und Geld je gab, ob Wirecard betrog oder betrogen wurde – man weiß es nicht.

Im Vertrauen auf den eigenen Erfolg hatte Braun früh Wirecard-Aktien gekauft und war zum größten Einzelaktionär geworden. Weil das selbst zu niedrigeren Kursen das Budget eines angestellten Vorstandsvorsitzenden sprengte, gab es immer wieder Berichte über fremde Geldgeber. Die haben sich nun wohl bestätigt, denn Braun tat vor einigen Tagen, was so gar nicht zu ihm passt: Mitten in den Kurssturz hinein verscherbelte er einen großen Teil seiner Wirecard-Aktien. In vier Pflichtmitteilungen hat das Unternehmen jetzt gemeldet, dass Braun am vergangenen Donnerstag und Freitag insgesamt Aktien im Wert von rund 155 Millionen Euro verkauft habe. Die meisten Kurse liegen um die 30 Euro, es geht aber hinab bis 21,88 Euro – vor einer Woche, bevor der Skandal losbrach, kostete eine Wirecard-Aktie 100 Euro.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun brauchte Geld für die Kaution

Es war offenbar ein Notverkauf, denn die Geschäfte sind als Margin Call deklariert. Der Begriff wird unter anderem benutzt, wenn Kreditgeber den Nachschuss von Geld fordern, weil die von ihnen finanzierten Wertpapiere unter einen bestimmten Wert fallen und nicht mehr als Sicherheit genügen. Dieser Marke rutschte der Kurs am Donnerstag offenbar entgegen, und Braun blieb wahrscheinlich nichts anderes übrig, als auszusteigen und Kredite abzulösen. Zwei Pakete verkaufte er am Donnerstag und zwei am Freitag – und trat zwischendurch als Vorstandschef zurück. Das wäre normalerweise ein Fall für Insiderverdacht, aber Braun verkaufte die meisten Aktien nicht über die Börse, sondern “außerhalb eines Handelsplatzes” – an unbekannte Käufer.

Am Dienstag brauchte Braun dann einige Millionen: Die Staatsanwaltschaft München hatte einen Haftbefehl ausgestellt. Sie vermutet, dass die Wirecard-Bilanzen aufgebläht wurden, um das Unternehmen wertvoller erscheinen zu lassen. Nach einer Nacht in Polizeigewahrsam kam Braun wieder auf freien Fuß – gegen 5 Millionen Euro Kaution.

RND

Von Stefan Winter/RND