Samstag , 31. Oktober 2020
Von glücklichen Tieren, geschweige denn Arbeitern, kann hier keine Rede sein: Das Werk Tönnies kündigte an, Werkverträge abzuschaffen. Quelle: imago images/Noah Wedel

Werkverträge abschaffen, digitale Zeiterfassung: So wollen sich Fleischbetriebe bessern

Die deutsche Fleischindustrie steht durch Corona-Ausbrüche enorm in der Kritik. Westfleisch und Tönnies, zwei große deutsche Betriebe, kündigten nun Besserungen an. Zunächst werden die Werksverträge abgeschafft.

Hannover. Die Corona-Ausbrüche in einigen deutschen Schlachthöfen haben viele unschöne Details zum Vorschein gebrahct: Knebelverträge für die Mitarbeiter, schlechte Arbeitsbedingungen und die Unterbringung in miserablen Wohnungen. Die infizierten Mitarbeiter sind meist Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa, die bei Subunternehmen beschäftigt und in Sammelunterkünften untergebracht sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von “erschreckenden Nachrichten” aus der Fleischindustrie, “gerade bei der Unterbringung gibt es erhebliche Mängel.” Andere Stimmen nennen die Fleischindustrie “moderne Sklaverei”. Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte daraufhin an, die Fleischindustrie “aufzuräumen”.

Nach dem sie massiv unter Druck geraten sind, reagieren die Fleischproduzenten nun. Die Firma “Westfleisch”, teilte am Dienstag ihre neuen Pläne mit: “Wir wollen uns noch mehr um die Mitarbeiter kümmern”, heißt es in einer Pressemitteilung, in der Westfleisch einen 10-Punkte-Plan formuliert hat. Für den Betrieb liege die Messlatte nun “zu Recht höher”. Auch der größte deutsche Schlachtbetrieb Tönnies kündigt Veränderungen an, nachdem am Dienstag das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh stark eingeschränkt werden musste.

Westfleisch will alle Mitarbeiter selbst anstellen

Westfleisch kündigte unter anderem an, bis Jahresende alle Mitarbeiter selbst anzustellen und nicht wie bisher größtenteils über Werkverträge zu beschäftigen. Damit wolle Westfleisch künftig selber die Verantwortung für seine Beschäftigen übernehmen und auf Werkvertragsanbieter verzichten. “Und das gilt unabhängig davon, was der Gesetzgeber in den kommenden Monaten in dieser Hinsicht beschließen wird”, erklärt Johannes Steinhoff, Vorstand im Bereich Weiterverarbeitung.

Der Betrieb “WestCrown” in Dissen, in dem es zu Hunderten Corona-Fällen kam, will ebenfalls mehr Werkvertragsmitarbeiter übernehmen. Von “230 Übernahmen” ist in einer Pressemitteilung des Betriebs die Rede. Der Dissener Zerlegebetrieb, eine 50-Prozent-Beteiligung von Westfleisch, will außerdem künftig auf die Vergabe von Werkverträgen verzichten.

Auch Tönnies verzichtet künftig auf Werkverträge

Auch der größte deutsche Schlachtbetrieb Tönnies will die Werkverträge “in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung” bis Ende 2020 abschaffen. Die Mitarbeiter sollen in der Tönnies-Unternehmensgruppe eingestellt werden, wie das Unternehmen am Dienstag in Rheda-Wiedenbrück mitteilte. Außerdem solle für die Arbeiter eine digitale Zeiterfassung an allen deutschen Standorten eingeführt werden.

Tönnies reagierte damit auf die Kritik an dem System, mit Werkverträgen die Lohnkosten zu drücken. Nach einem Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück hat das Land Nordrhein-Westfalen am Dienstag das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh stark eingeschränkt.

Westfleisch will Wohn- und Lebenssituation verbessern

Weitere Teile des von Westfleisch angekündigten 10-Punkte-Zukunftsprogramms beinhalten unter anderem die Sicherstellung einer angemessenen Wohnsituation, eine flächendeckende digitale Zeiterfassung sowie Integrationsbeauftragte für jeden Standort. Man wolle sich intensiver als bisher in das soziale und gesellschaftliche Leben vor Ort einbringen, heißt es seitens des Unternehmens. Genaue Pläne zum “sozialeren” Leben vor Ort formulierte Westfleisch nicht.

Dafür teilte das Unternehmen mit, auch das Hygienekonzept überarbeitet zu haben und künftig die regionale Landwirtschaft stärken zu wollen.

RND/Alice Mecke/dpa