Donnerstag , 22. Oktober 2020
Markus Braun, Ex-Vorstandsvorsitzender von Wirecard, wurde festgenommen. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Ex-Wirecard-Chef Braun nach Festnahme wieder frei – Ermittlungen gegen weitere Manager

Der ehemalige Chef des Finanzdienstleisters Wirecard ist am Dienstag festgenommen worden. Gegen Kaution soll er nun bereits wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Bei den Behörden läuft auch gegen drei weitere Manager der Wirecard-Spitze ein Ermittlungsverfahren. Die Zukunft des Dax-Konzerns hängt nun vom Wohlwollen der Banken ab.

Bis Ende voriger Woche war Markus Braun noch Vorstandschef des Dax-Konzerns Wirecard. Nun wurde der 50-jährige Österreicher in München festgenommen. “Er hat sich selbst gestellt, nachdem er vom Haftbefehl gegen sich erfahren hat”, erklärte Oberstaatsanwältin Anne Leiding von der Staatsanwaltsschaft München 1. Der Manager sei dazu eigens von Wien nach München angereist. Nur Stunden später dann die Meldung: Der Haftbefehl gegen Braun sei von der Ermittlungsrichterin gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro und Meldeauflagen außer Vollzug gesetzt worden. Braun kommt damit auf freien Fuß, sobald er die Kaution hinterlegt hat.

Die Justiz wirft dem ehemaligen Wirecard-Chef vor, Bilanzsumme und Umsatzvolumen von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben, um das Unternehmen finanzkräftiger und attraktiver darzustellen, als es war. Im Fokus der Ermittlungen stehen gut 1,9 Milliarden Euro, die der Zahlungsdienstleister auf nicht aufzufindenden Konten auf den Philippinen deponiert haben will.

Weitere Vorwürfe gegen Braun

Wirecard hält es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass die enorme Summe verschwunden ist oder nie existiert hat. Wegen des Verdachts auf Marktmanipulation ermitteln die Münchner Staatsanwälte schon seit Wochen gegen den gesamten, damals vierköpfigen Wirecard-Vorstand. Nun kommt zumindest im Fall von Braun mit dem Vorwurf der unrichtigen Darstellung mindestens ein weiteres Wirtschaftsdelikt dazu. Ob die Liste der Vorwürfe noch durch Betrug und Bilanzfälschung angereichert wird, ist offen. Man stecke noch mitten in den Ermittlungen, erklärte Leiding.

Ausgelöst worden sei der Haftbefehl gegen Braun durch eine Wirecard-Mitteilung in der Nacht auf Montag. Der Konzern hatte darin das höchstwahrscheinliche Verschwinden der 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und kurz danach dann auch den schon beurlaubten Vorstand Jan Marsalek fristlos gefeuert. Ob auch gegen ihn Haftbefehl erlassen wurde und ob er auf der Flucht ist, wollte Leiding weder bestätigen noch dementieren.

Braun hat Mitarbeit zugesagt

Marsalek ist wie Braun Österreicher und lebt in der Alpenrepublik. Ein Aufenthaltsort im Ausland gilt wegen Fluchtgefahr vielfach als Grund für einen Haftbefehl. Zu den Haftgründen im Fall von Braun wollte Leiding allerdings nur sagen, dass hinreichender Tatverdacht bestehe. Braun habe noch nicht ausgesagt, aber Mitarbeit zugesagt.

Braun und Marsalek stehen im Zentrum des Wirtschaftskrimis um Wirecard. Marsalek war unter anderem verantwortlich für die Auswahl eines Treuhänders, der für Wirecard auf den Philippinen Treuhandkonten mit angeblich gut 1,9 Milliarden Euro eröffnet haben will. Die Konten gibt es aber nicht, haben dortige Banken klargestellt. Der Treuhänder stand schon vor seiner Tätigkeit für Wirecard in zweifelhaftem Ruf. Er hatte für das philippinische Verkehrsministerium gearbeitet und war 2018 von Staatspräsident Rodrigo Duterte wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten entlassen worden.

Wirecard steht schon seit Jahren im Manipulationsverdacht

Wirecard steht schon seit Jahren unter Manipulationsverdacht, hatte sich aber stets als unschuldiges Opfer böswilliger Spekulanten bezeichnet. Besonders Braun hatte Vorwürfe, die Bilanzen manipuliert zu haben, immer wieder als diffamierend und irreführend dementiert. Sehr konkret wurden die Vorwürfe Anfang 2019 mit einer Serie von Enthüllungsberichten der britischen Finanzzeitung “Financial Times” (”FT”), die im Wesentlichen das beschrieben haben, was nun im Zentrum der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen steht.

Demnach hat Wirecard vor allem in Asien mit sogenannten Drittpartnern kooperiert, die in manchen Geschäftsjahren für große Teile der in der Wirecard-Bilanz ausgewiesenen Umsätze und Gewinne gesorgt haben sollen. Wirecard verfügt als Zahlungsdienstleister über eine Banklizenz – aber nicht in allen Ländern. Wo sie fehlt, kooperiert der Dax-Konzern aus Aschheim bei München mit Drittpartnern, die über eine solche Lizenz verfügen. Bei drei dieser rund 100 Partner hat die “FT” Hinweise auf vorgetäuschte Geschäfte im großen Stil gefunden, was deutsche Aufsichtsbehörden lange nicht sonderlich interessiert hat.

Bafin stellte sich lange hinter Braun und das Management

Die Finanzaufsicht Bafin hatte 2019 vielmehr zeitweise ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien erlassen, Anzeige gegen Spekulanten erstattet und sich damit lange hinter Wirecard sowie das Management um Braun gestellt. Umgeschwenkt ist die Bafin erst vor Kurzem mit einer zweiten Anzeige diesmal gegen Wirecard. Vorangegangen war ein Report der Wirtschaftsprüfer von KPMG, die beim Dax-Konzern erhebliche Bilanzierungsmängel festgestellt hatten. Die waren so nichtssagend, dass KPMG nicht verifizieren konnte, ob wesentliche Teile des Geschäfts wirklich existieren oder nur vorgetäuscht sind.

Die Braun vorgeworfenen Delikte können bei einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen nach sich ziehen. Das drohende Strafmaß hänge von den mit Hochdruck laufenden Ermittlungen und den sich am Ende ergebenden Vorwürfen ab, sagte Leiding. Braun hat sich bis zuletzt stets als Opfer von Betrügern und nicht als Täter dargestellt. Leicht werden die Ermittlungen nicht, denn sie führen auch auf die Philippinen, weshalb Rechtshilfeersuchen nötig sind, erklärte Leiding.

Geklärt werden muss insbesondere die Rolle des philippinschen Treuhänders und von Mitarbeitern der beiden philippinischen Banken mit den angeblichen Treuhandkonten für die 1,9 Milliarden Euro. Im Fokus stehen zudem drei Wirecard-Drittpartner, allen voran Al Alam aus Dubai. Das Unternehmen hat sich im Mai überraschend aufgelöst, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert.

Von Thomas Magenheim/RND