Montag , 26. Oktober 2020
Eine Kreditkarte des Bezahldienstleister Wirecard liegt in einem Showroom des Unternehmens auf einem Tisch. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Wirecard feuert Vorstand Marsalek “mit sofortiger Wirkung”

Ein Milliardenskandal erschüttert den Zahlungsdienstleister Wirecard. Wie die “Süddeutsche Zeitung” berichtet, droht den bisherigen Konzernmanagern Markus Braun und Jan Marsalek sogar Haft. Jan Marsalek wurde nun entlassen.

München. Die Wirecard-Affäre rund um mögliche Luftbuchungen, dubiose Treuhänder und systematische Bilanzfälschung könnte für die bisherigen Konzernlenker Markus Braun und Jan Marsalek ein böses Ende nehmen: Wie die “Süddeutsche Zeitung” (SZ) schreibt, droht beiden Managern Haft. So gingen mit dem Fall befasste Wirtschaftsanwälte davon aus, dass die Staatsanwaltschaft München I Haftbefehl beantragen wird.

Der Aufsichtsrat des Dax-Konzerns hat den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek nun “mit sofortiger Wirkung abberufen und seinen Anstellungsvertrag außerordentlich gekündigt”, teilte Wirecard am Montag mit.

Braun, Marsalek und deren Vorstandskollegen waren im Zuge des Wirecard-Skandals ins Visier der Justiz geraten. Im Raum steht der Verdacht manipulierter Börsenkurse. Neu hinzukommen könnten Bilanzfälschung sowie der Betrug von Banken bei Kreditanträgen, so die “SZ” weiter. Untersuchungshaft für die Manager wäre möglich, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vorläge. “Mein Mandant wird sich dem Verfahren selbstverständlich stellen”, sagte Braun-Anwalt Alfred Dierlamm der “SZ”.

Wirecard musste einräumen: Gebuchte Milliarden existieren wohl nicht

Wirecard hatte in der Nacht zum Montag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die das Unternehmen auf Treuhänderkonten verbucht hatte, sehr wahrscheinlich nicht existieren. Deswegen prüft der Konzern nun die nachträgliche Korrektur seiner Bilanzen der vergangenen Jahre. Bereits am Freitag war Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten.

Die Finanzaufsicht Bafin zeigt sich entsetzt über den Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister. “Das ist ein komplettes Desaster, das wir da sehen, und es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist”, sagte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Felix Hufeld, am Montag bei einer Konferenz in Frankfurt. “Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe.” Die Kritik an der Rolle der Aufsichtsbehörden – inklusive der Bafin – nehme er voll und ganz an. “Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert”, räumte Hufeld ein. Wichtig sei nun rasche Aufklärung. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sprach bei derselben Veranstaltung von einer “ernsten Angelegenheit”, die Auswirkungen weit über Wirecard hinaus haben könnte.

Ratingagentur Moody’s entzieht Wirecard Bonitätsbewertung komplett

Die Ratingagentur Moody’s hat dem Unternehmen bereits die Einstufung der Kreditwürdigkeit komplett entzogen. Moody’s begründete den Schritt am Montag damit, dass die vorliegenden Informationen unzureichend seien, um die bisherigen Einstufungen aufrecht zu erhalten und eine Bewertung der Bonität abzugeben. Am Freitag hatte Moody’s die Kreditwürdigkeit von Wirecard bereits auf “Ramsch” herabgestuft.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab – sowohl an Ladenkassen als auch online. Das Unternehmen ist seit mehr als einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner “Financial Times” dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Die Finanzaufsicht Bafin untersucht ebenso wie die Münchner Staatsanwaltschaft verschiedene Aspekte im Fall Wirecard.

RND/fh/dpa