Dienstag , 22. September 2020
Angesichts von Thieles Einfluss ist unsicher, ob der milliardenschwere Rettungsplan an diesem Donnerstag (25.06.) bei der außerordentlichen Lufthansa-Hauptversammlung die erforderliche Mehrheit bekommt. Quelle: Boris Roessler/dpa

Drama um Lufthansa-Rettung: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Zukunft der Lufthansa ist ungewisser denn je. Großaktionär Heinz Herman Thiele könnte auf der Hauptversammlung das 9 Milliarden Euro schwere Rettungspaket verhindern. Am Montag verhandeln Thiele und Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit Vertretern der Bundesregierung über einen Kompromiss. Worum geht es?

Das Rettungspaket für die in der Corona-Krise stark in Nöte geratene Lufthansa schien schon fast in trockenen Tüchern, da hatte Großaktionär Heinz Herman Thiele andere Pläne. Nun scheint die Zukunft der Lufthansa unsicherer als je zuvor. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lufthansa-Rettung scheitert?

Das lässt sich nur schwer sagen. Alles hängt an der Strategie von Thiele, der 15 Prozent der Aktien besitzt. Ein Ziel hat er bereits erreicht: Es wird nachverhandelt und er sitzt mit am Tisch. Als Vertreter der Bundesregierung sind Medienberichten zufolge Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sowie Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bei den Gesprächen am Montag vertreten.

Warum hat Thiele eine so starke Position?

Laut Spohr haben sich für die Onlinehauptversammlung am Donnerstag Aktionäre angemeldet, die nur 38 Prozent der Stimmrechte vertreten. Das bedeutet, dass es für die Annahme des mit der Bundesregierung ausgehandelten Rettungsplans eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht. Und die kann Thiele mit seinem 15-Prozent-Paket verhindern. Damit wären nicht nur Hilfskredite und eine stille Beteiligung des Staates, sondern auch der von Thiele stark kritisierte Einstieg des Bundes mit einer 20-Prozent-Beteiligung vom Tisch.

Was folgt, wenn das Lufthansa-Rettungspaket tatsächlich durchfällt?

Die Lufthansa hatte bereits vorige Woche gewarnt, dass “möglicherweise zeitnah zur Hauptversammlung ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren” beantragt werden müsste. Spohr hat mittlerweile nachgelegt: In einem Brief an die Mitarbeiter hat er erklärt, man habe umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um ein Grounding zu vermeiden – also ein kurzfristiges Einstellen des Flugbetriebes. Das dürfte auch ein Signal an Thiele sein, dass die Lufthansa mit der Insolvenz ernsthaft kalkuliert. Zumal Spohr angekündigt hat, die Zeit vor der endgültigen Erklärung einer Insolvenz zu nutzen, um mit der Bundesregierung – nicht mit Thiele – “Optionen” zu besprechen.

Muss Thiele eine Insolvenz von Lufthansa fürchten?

Thiele hat in einem Interview zwar betont, dass er die Insolvenz nicht fürchtet. Allerdings wäre seine Position als Aktionär dann geschwächt. Zugleich wird das Unternehmen zunächst einmal vor den Forderungen von Gläubigern geschützt. Damit gewinnt es Zeit, ein Sanierungskonzept im Einvernehmen mit den Gläubigern zu erarbeiten oder zu überarbeiten. In der Branche wird gemutmaßt, dass Thiele bei einer Insolvenz ohne Einstieg des Staates langfristig vom unabdingbaren Verkauf von Flugzeugen profitieren könnte. Allerdings stellt sich die Frage, an wen die Jets verkauft werden sollen. Denn Airlines weltweit haben Bestellungen für neue Maschinen storniert und planen ebenfalls, Flotten zu verkleinern.

Wie wichtig sind bei all dem die Gewerkschaften?

Sie sind enorm wichtig. Insgesamt stehen 22.000 Arbeitsplätze von weltweit 138.000 zur Disposition. Die Gewerkschaften Verdi, Ufo und Vereinigung Cockpit haben angekündigt, möglichst viele Stellen zu retten. Es wird unter anderem um Teilzeitregelungen und den zeitweisen Verzicht oder die Stundung von Gehaltsbestandteilen verhandelt – dazu könnten Zulagen, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld gehören. Eigentlich wollte Spohr am Anfang dieser Woche Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern unter Dach und Fach bringen. Das ist misslungen. Die Positionen seien noch weit von einander entfernt, ließ die Flugbegleitergewerkschaft Ufo am Montag wissen.

Welche Optionen hat Lufthansa-Chef Spohr nun?

Er hat die Auszahlung der Gehälter für diesen Monat auf diesen Montag vorgezogen, um einen “ungestörten Zahlungsverlauf zu gewährleisten”. Das wird von Insidern als taktischer Schachzug bewertet, um für gute Laune in der Belegschaft zu sorgen und um bei Betriebsräten die Chancen für eine kurzfristige Einigung zu erhöhen. Zugleich warnte und appellierte Verdi-Vize-Chefin Christine Behle: “Eine Insolvenz würde die Beschäftigtenstrukturen der Lufthansa zerstören und das öffentliche Vertrauen in die Lufthansa nachhaltig beschädigen. Mit der staatlichen Hilfe können Arbeitsplätze erhalten und Einkommen gesichert werden. Deshalb ist das Rettungspaket von großer Wichtigkeit für Beschäftigte, aber auch für Lufthansa.”

Welche Rolle spielt Thiele dabei?

Er versucht maximalen Druck aufzubauen – auch bei Gewerkschaftern. Das könnte darauf hinauslaufen, dass er bei den Arbeitnehmervertretern weitgehende Zugeständnisse bis Donnerstag durchsetzen will. Scholz und Altmaier könnten dabei in die Rolle von Vermittlern kommen. Das alles würde zu seiner Kritik am Lufthansa-Management passen, dem er vorgeworfen hat, nicht hart genug verhandelt zu haben.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND