Freitag , 25. September 2020
Wirecard hatte in der Nacht zum Montag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die das Unternehmen auf Treuhänderkonten verbucht hatte, sehr wahrscheinlich nicht existieren. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Wirecard hat alles verspielt

Der Zahlungsdienstleister Wirecard sieht sich als Opfer eines gigantischen Betrugs. Doch dafür bräuchte es Fahrlässigkeit, die man kaum glauben kann. Der Skandal schadet der gesamten deutschen Technologiebranche, fürchtet Stefan Winter.

Hannover. Geld verschwindet nicht, es wechselt nur den Besitzer. Wer also hat die 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard angeblich auf einem Treuhandkonto auf den Philippinen hinterlegt hatte? Ein Rechtsanwalt, der das Geld hüten sollte, steht im Verdacht; das Unternehmen hat auch Mitarbeiter der Banken im Blick; und alle anderen blicken auf Wirecard selbst: Kann es wirklich wahr sein, dass sich ein Unternehmen von ein paar cleveren Betrügern um ein Viertel seines Vermögens bringen lässt? Gehören Mitarbeiter zu den Profiteuren? Oder wurde tatsächlich mit Scheingeschäften systematisch die Bilanz aufgepumpt? Wirecard weist das seit eineinhalb Jahren vehement zurück und erklärte den Fall für geklärt – während Milliarden fehlten. So viel Fahrlässigkeit und Managementchaos sind schwer zu glauben.

Innovationen sind mit dem Wirecard-Skandal schwieriger geworden

Das sind komplizierte, aber keine unlösbaren Fragen. Irgendwann wird man es wissen. Und egal, was sich als Wahrheit herausstellt: Der Schaden geht über die 1,9 Milliarden und über das Unternehmen hinaus. Gelitten haben das Vertrauen ins Unternehmertum, in den Aktienmarkt und ins digitale Geldgeschäft – allesamt Themen, mit denen es in Deutschland ohnehin nicht weit her ist.

Wirecard war eine der wenigen vorzeigbaren deutschen Start-up-Geschichten dieses Jahrtausends, es steckte Innovation darin, auch technologisch. Nun ist sie gescheitert, als hätte im scheinbar so seriösen Dax der neue Markt weitergelebt: Unternehmer im Höhenrausch und Wirtschaftsprüfer, die sich offenbar in neuen Geschäftsabläufen nicht zurechtfanden. Wer in den nächsten Jahren das Vertrauen von Banken, Investoren oder Politik für ein neues Geschäftsmodell braucht, wird nun oft den Hinweis auf Wirecard hören. Innovation und Unternehmertum sind mit dem Skandal schwieriger geworden. Das ist der größte Schaden.

RND

 

 

Von Stefan Winter/RND