Sonntag , 27. September 2020
Eine Kreditkarte des Bezahldienstleisters Wirecard liegt in einem Showroom des Unternehmens auf einem Tisch. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Milliarden, die es nicht gibt: Wirecard kämpft um die nackte Existenz

In der Bilanz von Wirecard sind 1,9 Milliarden Euro höchstwahrscheinlich spurlos verschwunden oder haben nie existiert. Große Teile des Geschäfts könnten zudem erfunden sein. Jetzt droht dem Konzern die Zerschlagung.

München. Es droht der größte Finanzskandal eines Dax-Konzerns in der Geschichte Deutschlands zu werden. “Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit” bestehen 1,9 Milliarden Euro, die auf philippinischen Treuhandkonten liegen sollten, nicht, erklärte der neu besetzte Vorstand des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim bei München. Das Geld macht ein Viertel der Bilanzsumme aus und hat theoretisch als Sicherheit für bargeldlosen Zahlungsverkehr gedient, den Wirecard selbst und auch über Drittpartner in aller Welt managt.

Wirecard will retten, was zu retten ist – und prüft Zerschlagung

Auf diese Hiobsbotschaft folgen mehrere weitere. Große Teile des bislang für 2019 und das erste Quartal 2020 ausgewiesenen Geschäfts haben möglicherweise nicht existiert. Auch bei früheren Geschäftsjahren könnte das so sein. Wirecard prüft nun unter anderem seine Zerschlagung, um noch etwas zu retten. Damit droht das Szenario Wirklichkeit zu werden, das die britische Finanzzeitung “Financial Times” (”FT”) in einer Serie von Enthüllungsberichten seit Anfang 2019 anprangert.

Die Wirecard-Geschäfte könnten im Zuge systematischer Bilanzfälschung mittels erfundener Scheinumsätze jahrelang künstlich aufgeblasen worden sein. Die größten Fragezeichen stehen hinter dem Geschäftsjahr 2019, das eigentlich vorige Woche nach mehrmaliger Verzögerung hätte bilanziert werden sollen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hat aber das Testat verweigert, weil sie die Existenz in der Bilanz ausgewiesener fast 2 Milliarden Euro in Zweifel gezogen hatte. Dieser Verdacht scheint sich nun zu bewahrheiten.

“FT”-Bericht: Hat Wirecard Geld in die Hand einer zwielichtigen Person gelegt?

Ein Team, das für Wirecard mittlerweile auf den Philippinen die Vorgänge prüft, konnte die Gelder nicht finden. Zuvor hatte schon die philippinische Zentralbank erklärt, dass die Milliarden das asiatische Land nie erreicht haben. Große Zweifel sind indessen auch hinsichtlich des Treuhänders laut geworden, der für Wirecard 2019 auf den Philippinen die im Fokus stehenden Treuhandkonten eingerichtet hat oder behauptet, das getan zu haben. Ihn will die “Süddeutsche Zeitung” im Rechtsanwalt Mark Tolentino identifiziert haben. Stimmt das, hat Wirecard 1,9 Milliarden Euro in die Hand einer zwielichtigen Person gelegt. Denn 2018 ist der damalige Staatsbedienstete Tolentino vom philippinischen Staatspräsidenten Rodrigo Duterte wegen “fragwürdiger Geschäfte” gefeuert worden, wie man beim Googeln schnell erfährt. In einer jüngsten Wirecard-Sonderprüfung des EY-Konkurrenten KPMG ist anonymisiert von einem Treuhänder 2 die Rede, bei dem es sich um Tolentino handeln dürfte. Darin kritisiert KPMG, dass Wirecard dessen Zuverlässigkeit bei seiner Bestellung im Herbst 2019 offenbar nicht geprüft hat.

Es kommt aber noch schlimmer. “Der Vorstand geht außerdem davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts durch die Gesellschaft (gemeint ist Wirecard, die Redaktion) unzutreffend sind”, teilen die Aschheimer mit. Dazu muss man wissen, dass der Zahlungsdienstleister nicht in allen Ländern über eigene Geschäftslizenzen verfügt und dort mit Partnerfirmen kooperiert. Über diese Partner sind in der Vergangenheit große Teile des Geschäfts gelaufen. In manchen Jahren war es ein Drittel aller behaupteten Umsätze und die Hälfte aller ausgewiesenen Gewinne. Die “FT” bezweifelt seit Anfang 2019 die Existenz von Teilen des Drittpartnergschäfts, wobei Fragezeichen vor allem hinter einem Wirecard-Partner in Dubai namens Al Alam entstanden sind.

Die Bilanzen gleich mehrerer Geschäftsjahre könnten falsch sein

Al Alam hat jüngst den Geschäftsbetrieb eingestellt und dem Wirecard-Sonderprüfer KPMG jede Auskunft verweigert. Schon damals – im April dieses Jahres – hatten bei Wirecard-Kritikern die Alarmglocken geläutet. Das Unternehmen hatte aber lange mit dem Drittpartnergeschäft verbundene Vorwürfe als falsch dementiert. Nun untersuchen die Aschheimer nach eigenen Angaben, in welcher Art und Weise sowie in welchem Umfang dieses Geschäft tatsächlich zugunsten von Wirecard geführt wurde.

Bisherige Aussagen von 2,8 Milliarden Euro Umsatz und 785 Millionen Euro operativem Gewinn im vorigen Jahr sowie Quartalsergebnisse für die ersten drei Monate 2020 werden zurückgezogen. Gleiches gilt für Prognosen, die bis ins Jahr 2025 reichen. “Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Jahre können nicht ausgeschlossen werden”, räumt Wirecard ein. Das heißt schlichtweg, dass die Bilanzen mehrerer Geschäftsjahre falsch sein könnten, was die “FT” stets vermutet hatte.

Damit ist die Existenz von Wirecard akut bedroht. Den Stecker ziehen könnten jederzeit kreditgebende Banken. Eine 2 Milliarden Euro umfassende Kreditlinie läuft Ende Juni aus und müsste erneuert werden, sollen die Aschheimer nicht in Liquiditätsnöte kommen. Gleiches droht auch, wenn Wirecard-Kunden ihre Gelder abziehen. Der Dax-Konzern verfügt auch über eine Banklizenz. Gut 1,7 Milliarden Euro an Kundengeldern lagern auf Wirecard-Konten. Die Aschheimer mit gut 5800 Beschäftigten prüfen nun Kostsenkung und Notverkäufe oder Einstellung von Unternehmensteilen sowie Produktsegmenten.

Kursstürze: Wirecard hat 85 Prozent seines Werts verloren

Das klingt nach dem verzweifelten Versuch, zu retten, was noch zu retten ist. Am Ende könnte ein deutsches Enron stehen. Der US-Energiekonzern ist 2001 im Zuge eines riesigen Bilanzskandals untergegangen. Die Börse hat ihr Urteil schon gesprochen. Nach weiteren Kursstürzen hat Wirecard seit Donnerstag nun über 85 Prozent seines Unternehmenswerts auf noch knapp 2 Milliarden Euro verloren.

Von Thomas Magenheim/RND