Wie geht es für die Karstadt-Beschäftigten weiter? Quelle: imago images/A. Friedrichs

Gewerkschaften und SPD wollen für Karstadt-Beschäftigte kämpfen

Galeria Karstadt Kaufhof muss sparen – und schließt 62 von 172 Warenhäusern. Gewerkschaften und SPD fordern einen sozialverträglichen Plan für die Zukunft. Und Kommunen sorgen sich um Innenstädte, die nun veröden könnten.

Galeria Karstadt Kaufhof macht 62 von 172 Warenhäusern dicht. Die unternehmerische Entscheidung zur Schließung der Filialen treffe “die rund 6000 Beschäftigten und ihre Familien hart”, teilte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Freitagmittag mit. Ähnlich klingt es aus dem Arbeitsministerium.

Vor der heutigen Entscheidung hatten die Arbeitnehmervertreter mit der Unternehmensführung vier Tage lang verhandelt. Das zentrales Ergebnis: Die Frauen und Männer, die ihren Job verlieren, sollen für mindestens sechs Monate in eine Transfergesellschaft zwecks Beschäftigung und Qualifizierung wechseln können. Für Abfindungen bei Entlassungen würden die von Betriebsräten ausgehandelten Sozialpläne Anwendung finden. Stefanie Nutzenberger vom Verdi-Vorstand gab sich kämpferisch: “Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen. Da ist das letzte Wort noch nicht besprochen.” Die Beschäftigten und ihre Familien erwarteten die volle Unterstützung von politisch Verantwortlichen. Die Zahl der Stellen liegt insgesamt bei 28.000.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten: “Ich erwarte, dass von pauschalen Kürzungsplänen auf dem Rücken der Beschäftigten Abstand genommen wird.” Die Verantwortlichen seien in der Pflicht, keine “radikalen Abbaupläne” zu verfolgen.

Katja Mast, Fraktionsvize der SPD im Bundestag, sagte, vor allem Frauen, oft auch in Teilzeit, seien von den Stellenstreichungen betroffen. Die Besitzer und Gläubiger der Warenhauskette müssten jetzt alles dafür tun, dass so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben. Und es brauche neue Konzepte für den Erhalt von Filialen. Verdi betonte, es sei in den Verhandlungen immerhin gelungen, einen noch stärkeren Personalabbau zu verhindern – eigentlich sei geplant gewesen, in den weiter bestehenden Filialen die Belegschaft um 10 Prozent zu verkleinern.

Keine Alternative zu Schließungen?

Am Freitag wurden zunächst die Führungskräfte und danach die Belegschaften der Warenhäuser über die Zukunft des Unternehmens informiert. Karstadt Kaufhof war Anfang April durch die behördlich angeordneten Schließungen wegen der Corona-Pandemie in schwere Schieflage geraten. Die Geschäftsführung beantragte ein Schutzschirmverfahren – die mildestes Form eines Insolvenzverfahrens. Für dieses Jahr werden Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro erwartet.

Kürzlich sickerte durch, dass der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz und der gerichtlich bestellte Sachwalter Frank Kebekus die Schließung von bis zu 80 Filialen planen. In den Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern wurde deren Zahl auf zunächst 62 reduziert. Dieser Schritt sei ohne Alternative, so Geiwitz. Denn die zur Disposition stehenden Filialen gefährdeten den Gesamtbestand des Unternehmens. Kebekus betonte, jetzt müsse auch zeitnah eine Einigung mit Vermietern gefunden werden. Dabei dürfte es um die vorzeitige Kündigung von Mietverträgen für Warenhausimmobilien gehen. Nur ein Teil der Gebäude gehört dem Konzern selbst, zahlreiche Standorte sind angemietet.

Konkurrenz durch Onlinehandel und Spezialisten

Die Warenhäuser sind seit Jahren in einer schwierigen Lage. Auch ohne die Corona-Pandemie hätte das Unternehmen in diesem Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit rote Zahlen geschrieben. Über Jahre wurden Modernisierungen versäumt. Experten sehen aber auch strukturelle Probleme. Das Warenhaus wird von mehreren Seiten bedroht: vom Onlinehandel, von Spezialanbietern für wichtige Sortimente wie Bekleidung. Hinzu kommt ein verändertes Käuferverhalten. Immer weniger Verbraucher kommen zum gezielten Kauf bestimmter Produkte in die Innenstädte und immer weniger Kunden finden den Weg in die Warenhäuser.

“Dieser Strukturwandel lässt sich nicht stoppen”, sagte Christian Schulz-Wulkow von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY kürzlich dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Deshalb werde man “Veränderungen auch bei Häusern in besten Lagen sehen”. Indes halten Branchenkenner seit längerer Zeit vor allem Standorte in mittelgroßen Städten für bedroht.

Kommunen befürchten Verödung der Innenstädte

Vertreter von Spitzenverbänden der Kommunen haben in den vergangenen Wochen vielfach vor Warenhausschließungen gewarnt. Sie erwarten, dass die Kundenfrequenzen in den Citys deutlich zurückgehen und dass eine Verödung von Innenstädten droht. Schulz-Wulkow geht davon aus, dass vielfach große Anstrengungen nötigt sind, um die Konversion der Standorte zu erreichen. Stadtverwaltungen müssten mit Immobilieneigentümern Quartierslösungen entwickeln – um “eine Magnetwirkung zu erzielen und die Aufenthaltsqualität zu steigern”.

Verdi hat es bei den Verhandlungen geschafft, die immer wieder geforderte Beteiligung der Beschäftigten bei der Zukunftsgestaltung der Warenhäuser und Maßnahmen für gute Arbeitsbedingungen in einem Tarifvertrag zu verankern. Unter anderem soll es dabei um die Gestaltung der Sortimente, die Fremdvermietung von Verkaufsflächen und die Einführung von Omnichannelprozessen gehen – also die Verknüpfung von Online und stationärem Verkauf. “Endlich werden die Beschäftigten an der Entwicklung des Warenhauses für die Zukunft beteiligt”, sagte Nutzenberger.

Der österreichische Immobilieninvestor René Benko hatte zunächst Karstadt und im Herbst 2018 Kaufhof erworben und die beiden Warenhausketten danach fusioniert. In der Vergangenheit kam immer wieder der Vorwurf, dass Benko vor allem an einer Verwertung von Immobilien und weniger am Einzelhandelsgeschäft interessiert sei.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND