Samstag , 19. September 2020
Wirecard gibt auch eine eigene Kreditkarte heraus. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Bezahlen als Geschäftsmodell: So wurde Wirecard zum Dax-Star

Der Finanzdienstleister Wirecard kommt nicht aus den Schlagzeilen. Plötzlich sind 1,9 Milliarden Euro aus den Büchern nicht mehr nachweisbar, der Chef geht, die Aktie ist im freien Fall. Doch womit verdient das Unternehmen eigentlich sein Geld?

Wirecard steht seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Der digitale Finanzdienstleister ist rasant gewachsen. Das Unternehmen wurde 1999 gegründet – seit September 2018 wird es in der ersten deutschen Börsenliga, dem Dax, gelistet. Wie lange noch ist allerdings fraglich, denn die Wirecard-Aktie ist in den vergangenen Tagen extrem eingebrochen. Wiederholt musste die Bilanzvorlage des Unternehmens verschoben werden, 1,9 Milliarden Euro sollen auf asiatischen Konten liegen, sind aber nicht nachweisbar. Zu den Skandalen wurde viel geschrieben – doch was ist eigentlich das Geschäftsmodell des Unternehmens?

Wirecard ist ein moderner Finanzdienstleister. Das Unternehmen fungiert als Bindeglied zwischen Händler und Kunde. Normalerweise müsste ein Onlineshop Verträge mit mehreren Firmen abschließen, damit die Kunden auf der Website mit den verschiedenen Kreditkarten, per Lastschrift oder über mobile Bezahlsysteme wie etwa Apple Pay bezahlen können. Wirecard bietet das alles aus einer Hand und für verschiedenste Länder an. Das Unternehmen rühmt sich selbst damit, mehr als 200 verschiedene lokale und globale Zahlungslösungen im Programm zu haben.

Das Geschäft funktioniert nur über Masse

Aber Wirdecard kümmert sich nicht nur um Bezahlvorgänge im Internet, auch stationäre Ladengeschäfte arbeiten mit dem Dienstleister zusammen. Kunden sind zum Beispiel die niederländische Airline KLM, das O2-Mutterunternehmen Telefónica, Aldi, Ikea, WMF, BASF und Fedex.

Insgesamt kooperiert Wirecard mit 280.000 Unternehmen. Und diese Masse ist entscheidend fürs Geschäftsmodell – denn immer wenn ein Kunde ein Produkt bezahlt, bekommt Wirecard einen minimalen Anteil ab. Einzeln betrachtet, sind das sehr kleine Beträge. In der Summe aber macht Wirecard damit einen riesigen Umsatz – einer der Gründe, weshalb das Unternehmen zuletzt als Paradebeispiel für ein deutsches Finanzunternehmen neuen Schlages gehandelt wurde.

Vertrauen ist Teil des Geschäfts

Für das Kerngeschäft hat Wirecard in Europa eine Bank, die als Mittelsmann dafür sorgt, dass das Geld etwa von den Kartendiensten zu den Händlern kommt. In anderen Ländern, wo Wirecard keine solche Lizenz hat, arbeitet die Firma dafür mit Partnern zusammen. Zugleich bietet Wirecard eine Palette von Dienstleistungen rund ums Bezahlen an. Dazu gehören auch Sicherheitsvorkehrungen gegen Betrugsversuche. Ein weiterer Service ist die Auswertung von Daten, die Kunden eine bessere Steuerung ihres Geschäfts ermöglichen soll.

Doch wie es in Zukunft weitergeht, ist unklar: Um Bezahlvorgänge abzuwickeln, müssen Kunden Wirecard vertrauen. Und während es dem Unternehmen vor einigen Jahren noch gelang, Kritiker abzuwehren, sieht es bei den jüngsten Vorwürfen derzeit anders aus.

mit dpa

Von Anne Grüneberg/RND