Dienstag , 29. September 2020
Bei Wirecard geht es drunter und drüber. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Wo sind die Wirecard-Milliarden hin?

Der Druck auf den Gründer und Großaktionär des Zahlungsdienstleisters ist zu groß geworden. Der gerade erst neu bestellte Vorstand James Freis übernimmt das Ruder.

Er ist Mitgründer und mit 7 Prozent Anteil größter Aktionär des tief gefallenen Internetkonzerns Wirecard aus Aschheim bei München. Jetzt ist Markus Braun mit sofortiger Wirkung vom Amt als Vorstandschef des Zahlungsdienstleisters zurückgetreten. Er wolle die Zukunft des Unternehmens nicht belasten und stelle sich seiner Verantwortung als Vorstandschef, erklärte der Österreicher. Nach jüngster Eskalation um vermutete Bilanzmanipulationen hatten am Konzern beteiligte Fondsgesellschaften und Aktionärsschützer vielstimmig seinen Rücktritt gefordert. Zum Übergangschef von Wirecard wurde der 49-jährigen James Frei bestimmt. Der war erst tags zuvor im neu geschaffenen Ressort Integrität, Recht und Gesetz neu in den Vorstand aufgestiegen.

Als Technologieexperte hatte Braun das Unternehmen im September 2018 nur 16 Jahre nach seiner Neugründung in den Dax geführt, aus dem es demnächst wieder zu fallen droht. Denn die Marktkapitalisierung ist nach drastischen Kursstürzen zwei Tage in Folge mittlerweile unter drei Milliarden Euro gesunken, womit binnen 48 Stunden über neun Milliarden Euro Firmenwert vernichtet wurden. Der Österreicher hinterlässt einen Konzern in Trümmern.

Milliarden bei philippinischen Banken – oder auch nicht

Gravierende Zweifel gibt es mittlerweile an der Existenz von gut 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard auf philippinischen Treuhandkonten verortet hat. Die Summe entspricht einem Viertel der Konzernbilanzsumme. Bezweifelt wurde die Existenz der Gelder von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die Wirecard deshalb das Testat für den Geschäftsbericht 2019 verweigert hatte. Die philippinischen Bank BDO Unibank hat inzwischen bestritten, für Wirecard jemals Treuhandkonten geführt zu haben. Dort sollte eigentlich mit gut 1,1 Milliarden Euro das Gros der Treuhandgelder ruhen.

Das Institut hat erklärt, dass ein Mitarbeiter falsche Bestätigungen für das Treuhandkonto ausgestellt hat. Auch die zweite in Frage stehende philippinische Bank BDI hat Bestätigungen über Treuhandkonten als Fälschung bezeichnet. Damit könnten auch die diesem Institut zugeordneten gut 800 Millionen Euro nicht existieren. BDO ist die größte Bank der Philippinen. Beide Institute verfügen über Ratings der Stufe Investment-Grade, dürften also als seriös gelten.

Der neue Chef ist Spezialist für Wirtschaftskriminalität

Die dort von Wirecard deponierten Gelder dienen als Sicherheit für bargeldlosen Geldtransfer zwischen Kunden und Händlern aller Art, für den Wirecard technologisch sorgt. Ist das Konto eines Verbrauchers für gekaufte Waren oder Dienstleistungen nicht gedeckt, springt das Treuhandkonto ein, das dem Vernehmen nach von einer philippinischen Rechtsanwaltskanzlei eingerichtet worden ist.

“Wir können noch nicht absehen, ob es die 1,9 Milliarden Euro gibt”, sagt ein Insider aus dem Umfeld von Wirecard. Das zu klären ist nun eine Hauptaufgabe des neuen Konzernchefs. Freis ist Rechtsanwalt und hat die US-Regierung mehrere Jahre lang bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminellen beraten. Er besitzt damit das nötige Wissen für diesen Teil des Wirecard-Debakels.

Dem Vernehmen nach fahnden mittlerweile auch Wirecard-Mitarbeiter auf den Philippinen nach den verschwundenen Milliarden. Dort will Wirecard auch eine Anzeige gegen Unbekannt stellen, weil sich der Konzern als Betrugsopfer sieht.

Es droht ein Liquiditätsengpass

Die Probleme des Konzerns sind aber noch größer. Zwar könnte es Wirecard verkraften, im schlimmsten Fall 1,9 Milliarden Euro abzuschreiben, sagen Juristen, die die Vermögensverhältnisse des Konzerns gut kennen. Ende Juni läuft aber eine Kreditlinie über zwei Milliarden Euro aus, die Wirecard größtenteils ausgeschöpft hat. Eine Verlängerung macht das zuständige Bankenkonsortium von einer gültigen Bilanzvorlage abhängig, die so schnell nicht geben wird. Würden die Kredite gekündigt, droht Wirecard ein Liquiditätsengpass, und das mitten in der Coronakrise.

Kenner der Szene vermuten, dass die Kreditinstitute Wirecard nicht zwingend in Existenznot bringen wollen, um ihren Milliardenkredit nicht ins Feuer zu stellen. Man stehe in kooperativen Gesprächen mit den Banken, betonen die Aschheimer. Die Institute sollen dabei eine Reorganisation des Konzerns gefordert haben, was Brauns Rücktritt erklären würde. Kurz zuvor war schon sein Vorstandskollege Jan Marsalek, der für die Auswahl des philippinischen Treuhänders und der dortigen Banken verantwortlich war, vorläufig freigestellt worden.

RND

Von Thomas Magenheim/RND