Dienstag , 22. September 2020
Bei Karstadt machen zahlreiche Filialen dicht. Quelle: Martin Gerten/dpa

Schließungen bei Karstadt: Absehbar, aber auch eine Chance

Karstadt strauchelt und taumelt – seit gut 20 Jahren läuft es beim einstigen Star der Innenstädte nicht mehr gut. Dass nun zahlreiche Filialen schließen, hat deshalb wenig mit der Corona-Pandemie zu tun. Die Kaufhauskette muss sich deshalb zum Immobilienkonzern wandeln, meint RND-Redakteur Frank Wenzel.

Kein anderer großer deutscher Konzern hat so eine lange und stetige Krisenhistorie wie das Unternehmen, das inzwischen Galeria Karstadt Kaufhof heißt. Seit gut 20 Jahren bewegt es sich in der Problemzone. Dabei ist es nicht ganz einfach, Schuldige für die fortwährende Misere zu finden.

Sicher, die Warenhäuser sind in zwei Dekaden durch viele Besitzerhände gegangen. Manager kamen und gingen in schneller Folge. Und da waren fortgesetzt Ignoranz, Missmanagement und Größenwahn im Spiel. Wer erinnert sich noch an einen gewissen Thomas Middelhoff, der einst die Karstadt-Häuser für kerngesund erklärte, als es ihnen schon längst erbärmlich ging?

Ein Warenhaus mit seinen mehreren Hunderttausend Artikeln lukrativ zu betreiben, war noch nie einfach. Das konnte auch in den besten Zeiten nur gelingen, wenn die komplexen Sortimente permanent aktualisiert und die Gebäude in kurzen Rhythmen modernisiert wurden. Beides ist bei Karstadt und bei Kaufhof in der jüngeren Geschichte systematisch vernachlässigt worden, auch weil ein fortgesetztes technokratisches Kostendiktat zu chronischen Ausfallerscheinungen führte, was unter anderem bei Kunden zu dem Eindruck führt, das sich das Verkaufspersonal aus ganzen Abteilungen zurückgezogen hat.

Galeria Karstadt Kaufhof: Überholtes Geschäftsmodell?

Doch selbst ein so erfahrener Warenhauschef wie Lovro Mandac, der gut 20 Jahre an der Spitze der Kaufhof-Kette stand, müsste heute Filialen schließen. Denn die Bedingungen für den Überlebenskampf der Häuser haben sich massiv verschärft. Da ist die Online-Konkurrenz, die die wichtigste Funktion des klassischen Warenhauses übernommen hat. Mit seiner Vielfalt verdichtete es einst das Angebot und erzeugte so Transparenz und machte Preisvergleiche möglich. Mit dem Smartphone ist dies inzwischen viel einfacher möglich.

Dann die Konkurrenz im Kernsortiment: Gegen Fast-Fashion-Giganten wie Primark, H&M oder Inditex (Hauptmarke: Zara) kann die Warenhauskette nicht bestehen, allein schon, weil die global agierenden Rivalen unerreichbare Größenvorteile haben. Der vielleicht wichtigste Faktor ist aber ein verändertes Kundenverhalten. Viele sind heute auf urbanen Erlebnistouren, sie wollen Luxus bestaunen, vielleicht sogar erwerben und sind auf der Suche nach Sushi oder Tex-Mex-Food. In so einer Welt werden Warenhäuser zu Fremdkörpern. Es ist kein Zufall, dass die Karstadt- und die Kaufhof-Filialen letztlich in den Händen von René Benko gelandet sind, einem Immobilienentwickler, der sich auf den Umbau ganzer Stadtquartiere versteht.

Auch das Management hat Fehler gemacht

Corona jedenfalls mit der zeitweiligen, behördlich verordneten Schließung der Häuser hat die Lage nur noch zugespitzt. Deshalb das Schutzschirm-Insolvenzverfahren, deshalb drücken der Sachwalter und der Generalbevollmächtigte jetzt die Schließung von rund fünf Dutzend Standorten durch.

Doch vieles war schon lange absehbar. Deshalb darf bei allen Unabwendbarkeiten nicht vergessen werden, dass es im Management über Jahre an verlässlichen Strategien für eine Metamorphose der Warenhäuser fehlte. Die Opfer sind die Beschäftigten. Die Floskel vom “Schrecken ohne Ende” passt hier. Sie haben gebangt, sie haben Arbeitszeiterhöhungen ohne Lohnausgleich und den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld ertragen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Betriebsräte hatten immer wieder die undankbare Aufgabe, das Schlimmste für die Beschäftigten zu verhindern, die Schmerzen zu verringern. Das ist unter den widrigen Bedingungen, so gut es ging, gelungen. Mehr war nicht drin.

Eine Chance für die Innenstädte

Doch aus all dem müssen nun Manager und Gewerkschafter eine Lehre ziehen: Nun muss endlich strategisch gehandelt werden. Konkret gilt es zu entscheiden, wo etwa Shop-in-Shop-Lösungen mit Markenbekleidung funktionieren, wo sich Einzelhandel – vielleicht nur noch mit Lebensmitteln – in Erdgeschossen rentiert und wo oben drüber Hotels, Coworkingbüros, Fitnessstudios und Gastronomie möglich sind. Und die Kooperation mit den Kommunen wird wichtig: Die vielfach beschworene Verödung von Innenstädten kann verhindert werden, wenn im Zweifelsfall ganze Innenstadtquartiere um ein Ex-Kaufhaus herum umgekrempelt werden.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND