Dienstag , 29. September 2020
Wegen der Corona-Pandemie mussten die Warenhäuser von Galeria Kaufhof Karstadt wochenlang schließen. Quelle: Martin Gerten/dpa

Galeria Karstadt Kaufhof: Ein Schrecken ohne Ende

Schon lange schleppt sich der Warenhauskonzern durch magere Jahre. Zu stark ist die Onlinekonkurrenz, zu verändert das Einkaufsverhalten der Deutschen. Die Corona-Krise hat die Lage nur zugespitzt. Was nun kommen muss, sind moderne Konzepte, kommentiert Frank-Thomas Wenzel.

Kein anderer großer deutscher Konzern hat so eine lange und stetige Krisenhistorie wie das Unternehmen, das inzwischen Galeria Karstadt Kaufhof heißt. Seit gut 20 Jahren bewegt es sich in der Problemzone. Dabei ist es nicht ganz einfach, Schuldige für die fortwährende Misere zu finden.

Sicher, die Warenhäuser sind in zwei Dekaden durch viele Besitzer-Hände gegangen. Manager kamen und gingen in schneller Abfolge. Und es waren Ignoranz, Missmanagement und Größenwahn im Spiel. Wer erinnert sich noch an einen gewissen Thomas Middelhoff, der einst die Karstadt-Häuser für kerngesund erklärte, als es ihnen schon längst erbärmlich ging?

Ein Warenhaus mit seinen mehreren Hunderttausend Artikeln lukrativ zu betreiben, war noch nie einfach. Das konnte auch in den besten Zeiten nur gelingen, wenn die komplexen Sortimente permanent aktualisiert und die Gebäude in kurzen Rhythmen modernisiert wurden. Beides ist bei Karstadt und bei Kaufhof in der jüngeren Geschichte systematisch vernachlässigt worden, auch weil ein fortgesetztes technokratisches Kostendiktat zu chronischen Ausfallerscheinungen führte, was unter anderem bei Kunden zu dem Eindruck führt, das sich das Verkaufspersonal aus ganzen Abteilungen zurückgezogen hat.

Galeria Karstadt Kaufhof: Online-Konkurrenz zu stark

Doch selbst ein so erfahrener Warenhaus-Chef wie Lovro Mandac, der gut 20 Jahre an der Spitze der Kaufhof-Kette stand, müsste heute Filialen schließen. Denn die Bedingungen für den Überlebenskampf der Häuser haben sich massiv verschärft. Da ist die Online-Konkurrenz, die die wichtigste Funktion des klassischen Warenhauses übernommen hat. Mit seiner Vielfalt verdichtete es einst das Angebot und erzeugte so Transparenz und machte Preisvergleiche möglich. Mit dem Smartphone ist dies inzwischen viel einfacher möglich.

Dann die Konkurrenz im Kernsortiment: Gegen Fast-Fashion-Giganten wie Primark, H&M oder Inditex (Hauptmarke: Zara) kann die Warenhauskette nicht bestehen. Schon allein weil die global agierenden Rivalen unerreichbare Größenvorteile haben. Der vielleicht wichtigste Faktor ist aber ein verändertes Kundenverhalten. Viele sind heute auf urbanen Erlebnistouren, sie wollen Luxus bestaunen, vielleicht sogar erwerben und sind auf der Suche nach Sushi oder Tex-Mex-Food. In so einer Welt werden Warenhäuser zu Fremdkörpern. Es ist kein Zufall, dass die Karstadt- und die Kaufhof-Filialen letztlich in den Händen von René Benko gelandet sind, einem Immobilienentwickler, der sich auf den Umbau von ganzen Stadt-Quartieren versteht.

Corona hat die Lage nur zugespitzt

Corona jedenfalls mit der zeitweisen, behördlich verordneten Schließung der Häuser hat die Lage nur noch zugespitzt. Deshalb das Schutzschirm-Insolvenzverfahren, deshalb drücken der Sachwalter und vom Generalbevollmächtigte jetzt die Schließung von rund fünf Dutzend Standorten durch.

Doch vieles war schon lange absehbar. Deshalb darf bei allen Unabwendbarkeiten nicht vergessen werden, dass es im Management über Jahre an verlässlichen Strategien für eine Metamorphose der Warenhäuser fehlte. Die Opfer sind die Beschäftigten. Die Floskel vom Schrecken ohne Ende passt hier. Sie haben gebangt, sie haben Arbeitszeiterhöhungen ohne Lohnausgleich und den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld ertragen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Betriebsräte hatten immer wieder die undankbare Aufgabe, das Schlimmste für die Beschäftigten zu verhindern, die Schmerzen zu verringern. Das ist unter den widrigen Bedingungen, so gut es ging, gelungen. Mehr war nicht drin.

Jetzt müssen moderne Konzepte her

Doch aus all dem müssen nun Manager und Gewerkschafter eine Lehre ziehen: Nun muss endlich strategisch gehandelt werden. Konkret gilt es zu entscheiden, wo etwa Shop-in-Shop-Lösungen mit Marken-Bekleidung funktionieren. Wo sich Einzelhandel – vielleicht nur noch mit Lebensmitteln – in Erdgeschossen rentiert und wo oben drüber Hotels, Coworking-Büros, Fitnessstudios und Gastronomie möglich sind. Und die Kooperation mit den Kommunen wird wichtig: Die vielfach beschworene Verödung von Innenstädten kann verhindert werden, wenn im Zweifelsfall ganze Innenstadtquartiere um ein Ex-Kaufhaus herum umgekrempelt werden.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND