Sonntag , 27. September 2020
Schlachthöfe wie der von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück stehen in der Kritik. Quelle: imago images/biky

Schlachtungen: Großfirmen wie Tönnies und Westfleisch teilen den Markt unter sich auf

Im Schlachtbetrieb Tönnies sind Hunderte Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert worden. Der Betrieb übernimmt fast jede dritte Schweineschlachtung in Deutschland. Der Markt ist in der Hand weniger Großfirmen – auch der Zweite der Branche hatte schon einen Ausbruch zu verantworten.

Rheda-Wiedenbrück. Gemessen am Gewicht ist das Schwein das für den Verzehr wichtigste Tier. Fast 57 Millionen Sauen, Eber und Ferkel wurden im vergangenen Jahr geschlachtet, das ergibt mehr als 5 Millionen Tonnen Schweinefleisch. Für fast jede dritte Schlachtung war zuletzt ein Unternehmen zuständig, das mittlerweile seinen Betrieb einstellen musste. In der Firma Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück haben sich mindestens 657 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert.

Bereits bei 50 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen 7 Tagen ist ein Landkreis dazu angehalten, wesentliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen wieder zurückzunehmen. Der Landkreis Gütersloh mit seinen 364.000 Einwohnern musste also handeln. Die Produktion in dem Schlachtbetrieb wurde vorübergehend eingestellt, außerdem schließen die Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien und mehr als 7000 Menschen stehen unter Quarantäne.

Das Risiko in den Fleischfabriken ist hoch

Bereits vor einigen Wochen ist ein anderer Schlachtbetrieb zum Corona-Hotspot geworden. Wegen zahlreicher Infektionen musste der Schlachtbetrieb “Westfleisch” in Coesfeld zeitweise schließen. Damals wehrte sich die Firma Tönnies noch dagegen, die Branche unter Generalverdacht zu stellen. “Wir wurden in der Ernährungsindustrie aufgefordert, während des Lockdowns weiterzuarbeiten, so wie Krankenhäuser, Pflegeheime und die Energieversorgung”, sagte Sprecher André Vielstädte der Deutschen Presse-Agentur. Diesem Auftrag sei das Unternehmen nachgekommen – “bei dem Wissen, dass wir dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko haben.”

Offenbar ist das Risiko in den Fleischfabriken besonders hoch, wie weitere Ausbrüche in Schlachthöfen in Baden-Württemberg und Bayern gezeigt haben. Dabei besteht die Branche eigentlich aus einigen tausend überwiegend kleinen Betrieben, die Schweine, Rinder, Geflügel und andere Tiere schlachten.

 

Allerdings stehen wenige Punkte auf der Karte für einen Großteil der Marktanteile. So übernehmen allein die 10 größten Firmen etwa 76 Prozent der Schweineschlachtungen, wie die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) für ihr jüngstes Schlachthofranking ermittelt hat. Auf Platz 1 landet Tönnies mit fast 17 Millionen Schlachtungen. Mit einigem Abstand dahinter folgt Westfleisch mit etwa 8 Millionen Schlachtungen, in etwa gleichauf mit dem Dritten der Branche, der niederländischen Firma Vion mit Standort im nordrhein-westfälischen Hilden. Auf dem Markt für Rinderschlachtungen sieht es ähnlich aus, nur in anderer Reihenfolge.

Die Bundesregierung hat die großen Schlachter bereits in den Blick genommen. Arbeitsminister Hubertus Heil sagte, “die dubiosen Vertragsstrukturen mit Subsubunternehmern” müssten beendet werden. “Mit hoher Energie” würden in dieser Branche Strukturen kreiert, “um Löhne zu drücken und Verantwortung abzuwälzen”. Im Fokus stehen die Rahmenbedingungen, unter denen viele ausländische Werkvertragsarbeiter in den Schlachthöfen und in der Fleischverarbeitung beschäftigt sind. Immer wieder werden die Arbeitsumstände kritisiert: lange Arbeitszeiten, wenig Pausen, schlechte Bezahlung und enge Sammelunterkünfte.

Das Bundeskabinett hat nun ein Verbot von Werkverträgen und Arbeitnehmerüberlassungen in der Fleischindustrie beschlossen. Von kommendem Januar an dürfen demnach nur noch Mitarbeiter des eigenen Betriebes Tiere schlachten und das Fleisch verarbeiten.

Von Johannes Christ/RND