Wirecard kann wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegen. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Erneute Bilanzverschiebung lässt Wirecard-Aktie um 50 Prozent einbrechen

Es sollte der große Wirecard-Tag an der Börse werden. Aktionäre und Analysten warteten auf die schon mehrfach verschobene Bilanz. Doch der Dax-Konzern sagte kurz vor knapp die Veröffentlichung ab. Es fehlen auf einmal testierte Nachweise über 1,9 Milliarden Euro in den Büchern. Der Konzern sieht sich selbst als Opfer eines Betrugs.

Aschheim. Der Zahlungsabwickler Wirecard kommt auch nach der Sonderprüfung seiner Bilanzen nicht zur Ruhe. Beim Durchleuchten der Bücher blieben schon vor Wochen viele Fragen offen und die Staatsanwaltschaft hatte auch das Gebaren der Vorstände unter die Lupe genommen.

Am Donnerstag wollte nun der Dax-Konzern endlich die schon drei Mal verschobene Bilanz für 2019 und die kompletten Zahlen für das erste Quartal 2020 vorlegen. Doch dann dieses, eine Adhoc-Mitteilung am späten Vormittag:

Milliardenschwere Unklarheiten

Die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY habe das Unternehmen darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen, teilte der Dax-Konzern mit.

In der Pflichtmitteilung steht zudem ganz zum Schluss noch ein anderer wichtiger Satz: “Wenn ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni 2020 vorgelegt wird, können Kredite der Wirecard AG in Höhe von circa zwei Milliarden Euro gekündigt werden”.

Das birgt neuen Sprengstoff für weitere Spekulationen um das Unternehmen und sein operatives Geschäft. Zuletzt hatte das Unternehmen Mitte Mai noch mitgeteilt, man wolle im laufenden Jahr weiterhin einen operativen Gewinn (Ebitda) von 1 bis 1,12 Milliarden Euro erreichen.

Wirecard sieht sich selbst als Opfer

Ein Konzernsprecher teilte zudem am Donnerstag mit, man wolle Strafanzeige gegen unbekannt erstatten. Das Unternehmen sehe sich als mögliches Opfer eines “gigantischen Betrugs”. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder oder aus dem Bereich von Banken, die die Treuhandkonten führen, “unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden”, hieß es.

Wirecard-Aktie: Anleger reagieren mit Panikverkäufen

Anleger reagierten auf die neuesten Nachrichten mit Panikverkäufen. Der Kurs verlor zeitweise mehr als 60 Prozent. Zuletzt notierte der Aktienkurs bei 53,79 Euro mit 48,40 Prozent im Minus.

An der Börse erlebte die Wirecard-Aktie schon in den vergangenen Jahren eine rasante Berg- und Talfahrt. Nach den ersten Vorwürfen der Bilanzmanipulation durch die britische “Financial Times” stürzte der Aktienkurs zum Jahresende 2018 vom 195 Euro bis Februar 2019 auf 86 Euro ab. Danach ging es wieder rasant kurzzeitig über die Marke von 160 Euro, um anschließend den nächsten Absturz zu erleben.

RND/dpa/casc