Freitag , 18. September 2020
Auch bei Demos auf dem Drahtesel: Teilnehmer von Extinction Rebellion wollen eine schnelle Verkehrswende und die Einrichtung von Fahrradschnellstraßen nach Berlin. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Boom wegen Corona: In Deutschland werden die Fahrräder knapp

Infolge des Coronavirus erlebt die Bundesrepublik einen Fahrradboom. Doch der sprengt die Kapazitäten von Händlern, Herstellern und Werkstätten. Nun werden die ersten Modelle knapp, wie Händler berichten.

Damit hatte Manfred Ruschinczik nicht gerechnet: Der Mittdreißiger betreibt seit einigen Jahren Fredcycles in Göttingen – und hatte sich zunächst Sorgen um seinen Fahrradladen gemacht, als in Deutschland das Coronavirus ausbrach. Doch es kam anders: Seit Wochen sei er durchgängig zu 200 Prozent ausgelastet, berichtet der Einzelunternehmer. Allein ist Ruschinczik damit nicht.

Zwar mussten Filialen zeitweise schließen, doch Händler wie BOC verzeichneten prompt eine Vervierfachung der Umsätze im Onlineshop. “Teilweise mussten wir Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen – und Stores zu Versandlagern umfunktionieren”, erzählt Geschäftsführer Bernd Heumann. Mittlerweile sind die Geschäfte wieder offen, längst seien die wegen des Shutdowns verlorenen Umsätze aufgeholt. “Wir liegen nach wie vor 50 Prozent über dem Planniveau”, so Heumann.

Mehr als nur der Nachholbedarf

Der Handelsverband Zweirad (VDZ) bestätigt die Entwicklung. Zwar verzeichneten einzelne Händler einen Rückgang beim Umsatz, erklärte ein Sprecher gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Bei mehr als der Hälfte lägen die Umsätze aber auf hohem Vorjahresniveau. Und viele weitere berichten dem Sprecher zufolge von einer noch höheren Nachfrage.

“Das ist mehr als nur der Nachholbedarf”, ist BOC-Geschäftsführer Heumann mittlerweile überzeugt. Ihm zufolge lässt sich das an der Art der gekauften Fahrräder erkennen: Bei Pedelecs gebe es einen regelrechten Boom, auch elektrisch angetriebene Mountainbikes seien sehr gefragt. Das sind typische Freizeiträder, weshalb Heumann davon ausgeht, dass sich viele Kunden ein neues Fahrrad für die unfreiwillig in Deutschland verbrachte Urlaubszeit gönnen.

Hinzu komme, dass viele Menschen derzeit wohl lieber auf die Nutzung von Bussen und Bahnen verzichten – und nicht nur aufs Auto, sondern auch auf das Fahrrad umsteigen. Laut Heumann verkaufen sich sogar die zuletzt weniger geliebten City- und Trekkingräder besser, ebenso wie konventionelle Mountainbikes. Weil besonders die Einsteigermodelle gefragt seien, glaubt Heumann, dass viele Deutsche ihre Liebe zum Zweirad wiederentdecken.

Manche Fahrräder sind ausverkauft

Doch der Boom kommt auch für ihn etwas zu plötzlich: “Bestimmte Segmente sind fast ausverkauft”, sagt Heumann. Bei elektrischen und konventionellen Mountainbikes werde mittlerweile der Nachschub knapp. Beim VDZ formuliert man es zurückhaltender: “Was Kunden sich wünschen, könnte nicht immer verfügbar sein”, so der Sprecher.

Hintergrund sind ihm zufolge nicht zuletzt Lieferschwierigkeiten. Viele Fahrräder und noch mehr Bauteile kommen üblicherweise aus Asien. Dort stand wegen des Coronavirus kurz vor Beginn der europäischen Fahrradsaison die Produktion still. Als das Virus in Europa ausbrach, hätten hiesige Händler außerdem wegen des Shutdowns Bestellungen storniert, so Heumann.

Auch Werkstätten teilweise am Limit

Bei BOC betont Heumann allerdings, dass vieles noch verfügbar sei – schließlich habe die Kette 36 Filialen und ein großes Zentrallager. Dem Vernehmen nach sieht das bei kleineren Händlern anders aus. Mangels neuer Ware sollen in Deutschland schon erste Fahrradgeschäfte zeitweise geschlossen haben. “Die Lieferfähigkeit der Industrie könnte die Umsatzentwicklung des Handels begrenzen”, befürchtet man denn auch beim VDZ.

Wer trotzdem unbedingt ein Fahrrad braucht, kann natürlich immer noch in der eigenen Garage nach dem alten Drahtesel schauen. In dem Fall sollte man mittlerweile auch etwas handwerkliches Geschick an den Tag legen. Denn zumindest in Göttingen sind auch die Fahrradwerkstätten am Limit. Es kann bis zu drei Wochen dauern, bis in der Universitätsstadt ein defekter Schlauch ausgetauscht wird.

ADFC fordert bessere Bedingungen für Radfahrer

Für Händler und Werkstätten sind all das trotzdem keine schlechten Nachrichten – was auch Heumann zu schätzen weiß. “Im Vergleich zum restlichen Einzelhandel ist die Situation für uns eine Gnade”, sagt der Geschäftsführer von BOC. Und Ruschinczik hofft zwar, dass der Boom noch eine Weile anhält. Doch derzeit hat der Einzelunternehmer andere Sorgen. “Ich brauche Urlaub, aber die Nachfrage lässt nicht nach.”

Skeptischer ist man indes beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC): “Ob der Boom anhält, hängt davon ab, wie schnell es den Kommunen gelingt, die Fahrradinfrastruktur auszubauen”, betonte eine Sprecherin gegenüber dem RND. Schon vor der Krise seien deutsche Radwege schlecht und unterdimensioniert gewesen. Die Neuaufsteiger würden dem Rad aber nur treu bleiben, wenn sich das Radfahren sicher und komfortabel anfühlt.

Von Christoph Höland/RND