Montag , 28. September 2020
Für Touristen Traumziel, für die anderen Lebensgrundlage: Die mittelständischen Reiseveranstalter sind durch die Corona-Krise existenziell bedroht.

Reiseveranstalter in der Corona-Krise: „Die Branche steht am Abgrund“

Sie sind ganz besonders durch die Folgen der Corona-Pandemie gebeutelt: Deutschlands Reiseveranstalter. Zwar hat die Bundesregierung Teilen der Reisebranche den Weg unter den Corona-Schutzschirm geebnet – allerdings betrifft das nur Reisebüros, nicht Reiseveranstalter. Dabei tragen die ein wesentlich höheres, unternehmerisches Risiko. Nach Angaben des „aer“, einer Vereinigung von rund 400 Reiseveranstalter des Mittelstands, droht etlichen Reiseveranstaltern ohne staatliche Hilfen das Aus.

Timo Kohlenberg aus Hannover ist Reiseveranstalter mit Leib und Seele. Er ist einer von den kleinen Spezialisten in der Branche, mit seinen rund 20 Mitarbeitern organisiert er individuelle USA- und Kanada-Reisen. “Normalerweise machen wir einen Umsatz von etwa 10 Millionen Euro pro Jahr”, sagt der 34-Jährige. “Das entspricht auch ungefähr der Summe, die wir wohl verlieren werden, sofern die Reisebeschränkungen für Nordamerika noch bis in den Herbst Bestand haben.”

Die Reisebranche leidet besonders unter den Pandemiefolgen. Das Geschäft liegt derzeit brach, allerdings arbeiten die meisten Mitarbeiter weiterhin in Vollzeit – wegen der massenhaften Stornierungen und Umbuchungen. In den Rettungspaketen der Bundesregierung sind auch Hilfen für sie untergebracht. So können sich die Reisebüros künftig Provisionen erstatten lassen, die ihnen durch Stornierungen entgehen. Und der größte Veranstalter Tui hat einen Milliardenkredit der KfW bekommen, um über die Sommersaison zu kommen.

Reisebüros unter dem Schutzschirm, Reiseveranstalter nicht

Doch die passenden Hilfen für die mittelständischen Reiseveranstalter fehlten, sagt Rainer Hageloch, Chef der AER Kooperation AG, in der gut 400 mittelständische Veranstalter zusammenarbeiten. “Es ist total frustrierend, dass die Regierung so gar nicht reagiert. Und die Werkzeuge, die man uns gegeben hat bisher – die funktionieren halt nicht.”

Während die Reisebüros von Provisionen lebten und diese zu Recht aus dem Konjunkturpaket ersetzt würden, blieben die Veranstalter auf ihrem Risiko sitzen, erklärt Kohlenberg: “Die Reiseveranstalter bekommen für ihre geleistete Arbeit nichts.” Sie kaufen ihre Leistungen vor Ort ein, verkaufen sie dann weiter an ihre Kunden und leben von der Marge. “Diese Margen wiederum können wir aber nicht geltend machen”, sagt Kohlenberg. Anzahlungen von Kunden werden für die Buchung von Airlines und Hotels verwendet und können nur schwer zurückgeholt werden. Die Kunden des Veranstalters haben aber das Recht, ihr Geld innerhalb von 14 Tagen zurückzubekommen.

Reisebranche kritisiert die Soforthilfe

Für dieses Geschäftsmodell finde sich in den Hilfspaketen wenig, kritisiert die Branche. Die Soforthilfe der Bundesregierung und die neu auf den Weg gebrachte Überbrückungshilfe von maximal 50.000 Euro pro Monat für drei Monate brächten wenig: Sie sind für Betriebskosten wie Miete und Leasingraten gedacht, die Personalkosten dürfen nur mit zehn Prozent geltend gemacht werden – doch bei den Reiseveranstaltern sind sie er der größte Posten in der Kostenrechnung.

Auch Kurzarbeit sei keine Lösung, denn die Mitarbeiter würden gebraucht: “Da bei uns der Kunde immer individuell beraten wird und nie bei einem Callcenter landet, müssen wir auch für die Stornierungen mit dem gesamten Personal arbeiten.” Außerdem hätten die Veranstalter die Rückholaktionen größtenteils selbst organisiert, ergänzt Hageloch. Auch Kohlenberg macht deutlich, dass selbst ein kerngesundes, finanziell gut aufgestelltes Unternehmen ohne Hilfen nicht durch die Krise kommen würde. Er sieht große Teile seiner Branche bedroht. “Wenn es so weitergeht, werden wir eine Fülle an Insolvenzen erleben.”

Reiseveranstalter nicht so gut abgesichert wie Reisebüros

Die 400 Veranstalter der AER-Kooperation beschäftigen nach Angaben Hagelochs insgesamt gut 10.000 Mitarbeiter und machen zwei Milliarden Euro Umsatz im Jahr – oder machten ihn jedenfalls bisher. “Die Branche steht am Abgrund”, sagt Hageloch.

Ganz besonders irritiert ihn die Tatsache, dass Reisebüros besser von der Regierung abgesichert würden als Reiseveranstalter. “Schon unter dem Gesichtspunkt des Gleichheitsgebots ist es unhaltbar, dass wir nicht auch unter den Schutzschirm der Regierung dürfen”, sagt er.

Offenbar würden die Unterschiede zwischen den beiden Geschäften in der Politik überhaupt nicht wahrgenommen. “Ich möchte den Politikern da keine Absicht unterstellen; wahrscheinlich kennen sie die Unterschiede einfach nicht”, sagt Hageloch. Dabei sei es ganz einfach: “Wir gehören unter den Schirm.”

Von Daniel Killy/RND