Freitag , 25. September 2020
Flugzeuge der Fluggesellschaft Tuifly stehen auf dem Flughafen Hannover. (Symbolbild) Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Krise der Ferienflieger: Tui bekennt sich zu Hannover – doch es droht Jobabbau

Der Luftfahrtbranche stehen schwere Monate bevor. Es droht ein massiver Arbeitsplatzabbau. Die Arbeitnehmerseite kündigt bereits Widerstand an. Bei Tuifly kam es jetzt zu ersten Krisengesprächen über die Zukunft des Ferienfliegers, sie endeten mit einem Bekenntnis zum Standort Hannover.

Hannover. Die Meldungen über Jobabbau in der Luftfahrtbranche wollen nicht abreißen. Jetzt stehen auch noch fast 2000 Stellen bei den Ferienfliegern Tuifly und Condor zur Disposition. Gewerkschafter und Betriebsräte wollen Stellenstreichungen in hohem Maß nicht hinnehmen. Immerhin wurde am Montag ein Teilerfolg erzielt: Tuifly will nun Hannover als Hauptstandort erhalten.

Tui hat gestern die Sommersaison des Corona-Jahres eröffnet. Gegen 11.15 Uhr landete der Flug X3 2312 von Düsseldorf kommend in Palma de Mallorca. Die Maschine brachte die ersten Testurlauber auf die Insel. Zur gleichen Stunde starteten die Krisengespräche über die Zukunft des konzerneigenen Ferienfliegers im niedersächsischen Wirtschaftsministerium in Hannover. Ressortchef Bernd Althusman (CDU) hat sich als Vermittler eingeschaltet.

900 Stellen fallen weg, und die Flotte wird halbiert

Die Rede ist vom Streichen von rund 900 Vollzeitstellen und von einer Halbierung der Flotte auf 17 Maschinen. Die Basis von Tuifly sollte Medienberichten zufolge nach Belgien und/oder Großbritannien verlegt werden. Letzteres ist nun vom Tisch. Hannover bleibe der Hauptstandort. Diesen Punkt habe man am Montag in einem Gespräch mit Vertretern der Arbeitnehmer und mit Althusmann (CDU) betont, erklärte das Unternehmen nach dem Ende des Treffens. “Das haben wir noch einmal unterstrichen.”

Von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hieß es, es sei etwas Bewegung in eine bisher festgefahrene Situation gekommen: “Herr Althusmann hat klargemacht, dass er den Standort Hannover schützen will und eine Perspektive eingefordert.” Der Chef der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), Markus Wahl, meinte, es sei deutlich geworden, “dass massive Staatshilfen” mit einem massiven Stellenabbau nicht zusammenpassen. Tui hat schon zu Beginn der Corona-Krise über die staatliche Förderbank KfW einen Kredit von 1,8 Milliarden Euro erhalten, der die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens sichern soll. Zudem zahlt die Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld für viele Tausend Beschäftigte des weltgrößten Reisekonzerns und seine Fluggesellschaft.

Tui: Radikales Sparprogramm steht noch an

Keine Angaben gab es nach dem Treffen dazu, in welchem Umfang es nun Einschnitte am Firmensitz des Ferienfliegers und anderswo geben könnte. Darüber werde der Aufsichtsrat nun sprechen, so Tui. Das Kontrollgremium wollte ursprünglich schon Ende voriger Woche über ein radikales Sparprogramm entscheiden. Durch die Intervention von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern wurde das auf diesen Donnerstag verschoben. Ziel der aktuellen Beratungen mit dem Land Niedersachsen sei es erst einmal gewesen, die Rahmenbedingungen zu erläutern, unter denen Tuifly derzeit arbeite, teilte der Konzern mit.

Die Airlines kämpfen um jeden Passagier

Der erwartet trotz des Mallorca-Fluges für die nächsten Wochen ein enorm schwieriges Geschäft. Viele Bundesbürger sind noch sehr zurückhaltend beim Buchen. Auch Tui-Deutschlandchef Marek Andryszak musste das kürzlich einräumen. Der Reiseverband DRV machte gestern eine Hochrechnung publik, wonach von Mitte März bis Ende August die hiesigen Reisebüros und Reiseveranstalter Einbußen von bis zu 20 Milliarden Euro hinnehmen müssen. Branchenkenner gehen davon aus, dass insbesondere bei Flugreisen die Zurückhaltung ausgeprägt sein soll – wegen vermeintlicher Ansteckungsgefahr in der Kabine. Und so kämpfen die Airlines, die gerade wieder den Flugbetrieb hochfahren, um jeden Passagier, da es bei den Flugzeugen massive Überkapazitäten gibt. Fluggesellschaften seien derzeit bereit sein, Pauschalurlauber deutlich unter dem Selbstkostenpreis zu befördern, berichten Insider. Es gehe darum, sich Marktanteile zu sichern.

Christine Behle, Vizechefin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft fordert indes, gemeinsam “sozialverträgliche Szenarien” zu entwickeln, die eine sichere Perspektive für die Beschäftigten und für Tuifly eine Zukunft bieten. Der Zeitdruck ist groß. Ob sich die Arbeitnehmer- und die Kapitalseite am Donnerstag in der Aufsichtsratssitzung einig werden, darf bezweifelt werden.

Arbeitnehmer sind zu Einschnitten bereit

In Gewerkschaftskreisen werden nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) fürs Erste jedenfalls “temporäre Schritte” zur Beschäftigungssicherung bevorzugt. Gemeint ist damit, dass die Arbeitnehmer eine Stundung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, womöglich auch einen vollständigen Verzicht darauf akzeptieren wollen. Darüber wird offenbar auch beim Ferienflieger Condor verhandelt, der einst zum untergegangenen Tui-Rivalen Thomas Cook gehörte. Condor-Chef Ralf Teckentrup hatte am Wochenende in einem Interview betont, dass bis zu 1000 Stellen wegfallen müssen. Sein Unternehmen müsse wie andere Fluglinien etwa 15 bis 25 Prozent der Arbeitsplätze streichen.

Genau solche Rechnungen will Verdi nicht akzeptieren. Das Kappen von Jobs dürfe nicht mit dem bereits angekündigten Abbau von Flugkapazitäten bei den Airlines korrespondieren. Ein Rückgang der Kapazitäten müsse auch zur Entlastungen von Beschäftigen führen, heißt es im gerade auf den Weg gebrachten Luftverkehrskonzept von Verdi.

Wann erholt sich die Reisebranche wieder? Verdi warnt trotzdem vor Kündigungen

Hinter dem Vorschlag mit dem Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld steckt die Hoffnung, dass die Pandemie in den nächsten Wochen wieder abflaut und dass Flugreisen demnächst zumindest etwas an Attraktivität wiedergewinnen. Doch auch Gewerkschafter bezweifeln, dass ein Niveau von vor der Krise im Tourismus bald wieder erreicht wird. Um den dann notwendigen Personalabbau zu stemmen, schlägt Verdi vor, alle “zur Verfügung stehenden personalwirtschaftlichen Instrumente” zu nutzen: Versetzungen, Altersteilzeit, Abfindungen, Umschulungen. Aber in keinem Fall betriebsbedingte Kündigungen.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND