Jamie Hayon könnte das Schweizer Taschenmesser unter den Schreibtischen erfunden haben. Quelle: AEHC

Designwettbewerb: So schön und so clever könnte das Homeoffice gestaltet sein

Kann man aus dem Homeoffice heraus Möbel entwerfen? Neun bekannte Designer nehmen jetzt an dem Wettbewerb Connected teil, um das herauszufinden. Dabei entwickeln sie jeweils einen Tisch und Sitzgelegenheiten. Mit den Handwerkern dürfen sie dafür nur auf digitalem Wege kommunizieren. Die ersten Skizzen wurden nun veröffentlicht.

Die Corona-Pandemie hat das Arbeitsleben vieler Menschen verändert: An die Stelle des Büros trat in den meisten Fällen das Homeoffice. Auch Designer wurden dadurch vor neue Herausforderungen gestellt: Wie kann man Möbel entwerfen, wenn man der Werkstatt keinen Besuch abstatten darf und ausschließlich digitale Kommunikationswege mit den Herstellern nutzen kann? In dem Designwettbewerb Connected haben das nun neun bekannte Designer ausprobiert.

Aufgerufen dazu haben der American Hardwood Export Council (Ahec), die Firma Benchmark Furniture und das Londoner Design Museum. Mit dem Projekt wollen die drei Initiatoren zeigen, wie Designer und Handwerker ihre Arbeitsweisen in Zeiten des Lockdowns angepasst haben. Jeweils einer der Designer arbeitet dafür eng mit einem Handwerker in der Werkstatt von Benchmark Furniture zusammen.

Für die Herstellung wird nachhaltiges Material genutzt

Da diese Zusammenarbeit aber ausschließlich auf Videokonferenzen und telefonischen Gesprächen basiert, werde ein ganz neues Vertrauen zwischen Designer und Hersteller gefordert. “Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass wir Möbel mithilfe digitaler Kommunikationsmittel entwickeln, aber es wird das erste Mal sein, dass wir Möbelstücke in einer rein digitalen Umgebung herstellen, ohne dass die Gestalter unsere Fertigung besuchen”, so Sean Sutcliffe, Gründer von Benchmark Furniture.

Für die Entwürfe sollten die Designer nachhaltiges Material nutzen: Roteiche, Kirsche oder Ahorn. “Diese Holzarten machen zusammen mehr als 40 Prozent aller Laubhölzer in den amerikanischen Wäldern aus. Drei außergewöhnlich schöne Hölzer, von denen wir hoffen, dass Designer ihr ästhetisches und funktionales Potenzial entdecken”, erklärte European Director von Ahec, David Venables. Ahec wird aus den Produktionsdaten der Entwürfe die Ökobilanz der einzelnen Objekte visualisieren.

Der gesamte Prozess wird dokumentiert und im Internet geteilt

Bei dem Wettbewerb dokumentieren die Designer ihren gesamten kreativen Prozess digital, um einen Einblick zu geben, wie sie sich der Aufgabe nähern und Ideen und Skizzen aus dem Homeoffice entwickeln. Daraus werden sie Videotagebücher erstellen, die im Laufe des Sommers auf der Projektwebsite und in sozialen Medien unter Verwendung des Projekt-Hashtags #Connectedbydesign veröffentlicht werden. Wenn die Entwürfe fertiggestellt sind, werden sie im Herbst, sofern das Museum wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist, im Atrium des Design Museums in London ausgestellt.

Die Entwürfe: vom schlichten Schreibtisch bis zum Multifunktionsobjekt

Die Tische und Sitzgelegenheiten sollen sich an den Bedürfnissen orientieren, die die Designer im Homeoffice entwickelt und entdeckt haben. Was braucht man wirklich? Wie muss das Büro zu Hause aussehen, damit man sich wohlfühlt und gleichzeitig produktiv arbeiten kann? “Wir alle sind unseren eigenen Häusern und Wohnungen übermäßig ausgesetzt und müssen uns an neue Arbeitsmuster anpassen. Die Pandemie hat jeden Designer gezwungen, sich mit einer völlig neuen Perspektive an seine Homeofficeumgebung zu wenden”, meint Justin McGuirk, Chefkurator des Design Museum.

Dass jeder der Designer andere Dinge in seiner Arbeitsumgebung bevorzugt, sieht man an den eingereichten Skizzen. Sie decken eine große Bandbreite ab: vom ausziehbaren Tisch, der auch als Esstisch dienen soll, über einen Schreibtisch mit Steckdosenrondell bis hin zu einem faltbaren “Überraschungswürfel”.

Ini Archibong: ein Tisch wie der Giant’s Causeway

Der Designer Ini Archibong, der schon für das französische Luxushaus Hermès gearbeitet hat, hat ein vielschichtiges Möbelstück entworfen, das an den Giant’s Causeway, eine geologische Formation aus Zehntausenden fünf- und sechseckigen Basaltsäulen, in Nordirland erinnert. “Die Idee dahinter ist, dass wir mit der Erde verbunden sind, die Erde wiederum mit den Sternen.” Die Tischplatte repräsentiere in seinem Objekt den Himmel.

Gezeichnet habe er den Entwurf nicht, er sei hauptsächlich in seinem Kopf entstanden. “Ich denke da sehr lange drüber nach und schaue es mir in meinem Kopf von allen Seiten an. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo ich verstehe, wie es sein muss. Dann kann ich mich an den Computer setzen und das Modell bauen”, so Archibong.

Jaime Hayon: ein Tisch für die ganze Familie

Der Designer aus Spanien, der vom “Time Magazine” als einer der 100 bedeutendsten Kreativen gelistet wurde, arbeitet häufig mit Materialen wie Holz, Keramik oder Metall. Die Aufgabe, einen Schreibtisch aus Ahorn, Roteiche oder Kirsche herzustellen, war deshalb zunächst keine Herausforderung für ihn.

Jedoch begeisterte ihn gerade die Idee der Initiatoren, ein einfaches Material wie Holz für das Projekt zu verwenden. “Wir verwenden keine Hightechmaterialien, ich liebe das. Wir nehmen einfach dieses Holz und werden etwas Fantastisches daraus machen”, so Hayon.

Seinen Entwurf hat er Schreibtischmaschine genannt. Ausziehbare Flächen, Regale und Schubladen bieten so viel Raum, dass die ganze Familie daran Platz nehmen kann. Er erklärte: “In der Pandemie drehte sich alles um meinen Schreibtisch: Ich bin herumgelaufen, habe meine Gedanken geteilt, abends einen Wein dort getrunken oder mit meinen Kindern gespielt.”

Studio Swine: eine Mischung aus Architektur und Skulptur

Das britisch-japanische Duo Studio Swine arbeitet schon seit zehn Jahren von zu Hause aus. “In dem Sinne hat sich in der Corona-Pandemie für uns also nicht viel verändert”, sagt Alexander Groves. Jedoch habe die Entschleunigung, die durch die teilweise pausierten Projekte zustande kam, einen positiven Effekt auf die beiden gehabt.

Das Besondere an dem Designwettbewerb sei für das Duo die Arbeit mit Holz. “Das haben wir noch nicht so häufig gemacht”, so Groves. Ihr Entwurf sei eine Mischung aus Skulptur und Architektur und dem Versuch, die Natur ins Haus zu bringen.

Sabine Marcelis: der Aufklappbare

Auch Sabine Marcelis hatte vorher noch nicht mit Holz gearbeitet. “Gerade deshalb war das für mich eine spannende Herausforderung”, sagte die Designerin aus Rotterdam. Da Marcelis kurz vor dem Lockdown ein Kind bekommen hat, war sie schon auf die Arbeit aus dem Homeoffice vorbereitet. Die Arbeit an einem Entwurf, ohne die Werkstatt besuchen zu können, sei jedoch für sie eine ganz neue Erfahrung gewesen.

Für ihren Entwurf ließ sie sich von einer Szene aus dem Film “Pulp Fiction” inspirieren: John Travolta öffnet einen Aktenkoffer, der von innen heraus strahlt, und man fragt sich: “Was zur Hölle ist da drin?” Diesen Effekt wollte sie auch in ihren Entwurf integrieren: Von außen sieht ihr Objekt aus wie eine ordentliche Box, aufgeklappt eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

Heatherwick Studio: ein Dschungel als Homeoffice

Das eigene Haus ist in der Corona-Pandemie plötzlich zu einem Filmstudio geworden, findet Thomas Heatherwick. “Du sprichst mit jemandem, und das, was gerade in dem Raum hinter dir ist, wird mit allen geteilt”, so der Designer. “Möbel bedeuten deshalb so viel mehr, als es noch vor der Corona-Krise der Fall war.”

Mit seinen Kollegen Stuart Wood und Tom Glover entschied er, dass ein wichtiges Werkzeug fehlt, wenn man plötzlich zu Hause Stunden am Schreibtisch verbringt: “Haben wir wirklich alles, was wir brauchen, greifbar?” Das Homeoffice müsse lebendiger werden, näher an der Natur, näher an den eigenen Ideen und den Vorstellungen. “Außerdem waren wir neugierig, ob wir Pflanzen in ein Möbelstück integrieren können, das sich sozusagen um seinen Nutzer schmiegt.” Der Entwurf hat deshalb alles, was man sich vorstellen kann: Kübel für Grünpflanzen, ein Schränkchen, Ablagen, Leuchten, ein Steckdosenrondell und Lademöglichkeiten.

Sebastian Herkner: ein Tisch zum Anfassen

“Wir haben zu Hause einen langen Tisch, an dem wir wirklich alles machen: Ich arbeite dort, wir essen zu Mittag und zu Abend. Er ist das Zentrum unserer Wohnung”, sagte Sebastian Herkner, einer der erfolgreichsten deutschen Designer. Dieser Tisch sei der Mittelpunkt seines Lebens – und genau so etwas wollte er auch für den Wettbewerb herstellen.

Dafür nutzt Herkner alle drei Holzarten. “Oft sind Tischplatten einfach ein rechteckiges Brett. Aber Menschen fassen Dinge gern an. In unserer Onlinewelt können wir uns nicht riechen, uns nicht anfassen. Deshalb brauchen wir zu Hause etwas, das wir anfassen können, so wie ein Samtsofa oder eben einen Holztisch”, sagte Herkner.

Maria Bruun: ein Tisch mit großer Klappe

In gewisser Weise hatte die Pandemie auf die Designerin Maria Bruun aus Kopenhagen einen Einfluss: Einige Projekte mussten abgesagt oder verschoben werden. “Aber auf lange Sicht hat sich überhaupt nichts geändert”, so Bruun. “Auch wenn die Welt stillsteht, habe ich immer noch die Freiheit, neue Dinge zu kreieren.”

Im Studio habe sie einen Platz zum Arbeiten und Nachdenken gehabt: “Ich konnte ihn verlassen, und wenn ich wiedergekommen bin, war alles so wie ich es hinterlassen habe.” Dieser Ort fehlte ihr im Homeoffice. Deshalb hat Bruun einen Tisch mit Klappfunktion entworfen. “Der Mechanismus gibt mir die Möglichkeit, den Tisch zu erweitern und jemanden an ihn einzuladen. Er ist also auch ein Ort, an dem ich mich wieder mit der Welt verbinden kann.”

Maria Jeglinska: klare Formen und Strukturen

Ob die Corona-Pandemie ihre Arbeit beeinflusst hat, darüber ist sich Maria Jeglinska aus Warschau nicht ganz sicher. Wohl aber darüber, dass die Zeit die Art und Weise geändert hat, wie man über seinen Arbeitsplatz nachdenkt. Deshalb möchte sie ein Objekt zwischen Architektur und Skulptur entwerfen, einen Ort, den sich Menschen zu eigen machen können. Während der Recherche habe sie sich intensiv mit den Möbelentwürfen der Shaker, einer freikirchlichen Glaubensgemeinschaft im 18. Jahrhundert in den USA, auseinandergesetzt, die formal sehr streng waren. Als Material wählte sie eine Kombination von Kirsche und Ahorn.

Studiopepe: der pinke Mond

Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto sind Studiopepe aus Mailand. Für den Wettbewerb konnten sie sich sofort begeistern, da sie die Idee dahinter mochten. “Es ist etwas Besonderes, dass die Idee dafür aus dieser globalen Ausnahmesituation entstanden ist”, so Di Pinto.

Das passe auch zu ihrem Kreativprozess: “Am Anfang unserer Arbeit steht das Konzept. Bevor wir über Formen nachdenken, beschäftigen wir uns mit der Geschichte hinter dem Objekt.”

Den Lockdown haben beide jeweils in ihren Wohnungen verbracht. “Wir haben viel Musik gehört. Und ein Song, den wir beide sehr mögen, ist ’Pink Moon’ von Nick Drake”, sagte Di Pinto. “Ein Pink Moon erscheint im April und ist nach einer in den USA und Kanada heimischen rosa Wildblume benannt. Er läutet eine neue Zeit des Wachstums ein.”

Das Lied hat Lelli Mami und Di Pinto zu ihrem Entwurf inspiriert, da es perfekt zu der aktuellen Zeit gepasst habe. “Nach einer Krise wird es einen Neuanfang geben”, so Lelli Mami. “Der Tisch hat die abstrahierte Form von Bergen, der Stuhl ist der aufgehende Mond.”