Montag , 26. Oktober 2020
Die Gründer und Gründerinnen von Dermanostic: Ole und Alice Martin sowie Estefanía und Patrick Lang (von links) sind allesamt selbst Ärzte. Quelle: Privat

App gestartet, Corona-Hit gelandet: Wie vier junge Ärzte die Telemedizin umkrempeln wollen

In Deutschland ist die Telemedizin erst seit Kurzem auf dem Vormarsch – doch wegen der Corona-Pandemie hat das Thema einen wahren Boom erlebt. Das haben auch vier Ärzte und Ärztinnen aus Berlin zu spüren bekommen. Sie hatten schon länger den Start einer App geplant – und wurden unversehens zu Profiteuren der Krise.

War dieses Muttermal eigentlich letztes Jahr schon so groß? Sollte es mir Sorgen machen, dass es sich etwas von der Haut abhebt? Fragen, die man sich morgens vor dem Spiegel manchmal stellt – und dann vielleicht vergisst. Oder man macht ein paar Fotos und schickt sie an einen Hautarzt. Damit das sicher abläuft und gegebenenfalls sogar ein Rezept ausgestellt werden kann, haben vier Ärzte Dermanostic gegründet – und mit ihrer App ein Angebot geschaffen, dass in Corona-Zeiten mehr als gut ankam.

Eigentlich hatten Alice und Ole Martin sowie ein befreundetes Ehepaar die Idee schon im vergangenen Jahr: “Wir haben ständig Fotos von Hautveränderungen über Whatsapp bekommen”, erzählt Alice Martin, selbst Ärztin und angehende Dermatologin. Schnell war die Idee für Dermanostic geboren: Eine App, über die Fotos und ausgefüllte Fragebögen zur möglichen Erkrankung an ein Team von Hautärzten gesendet werden können – die dann wiederum eine Diagnose stellen und gegebenenfalls Arztbrief und Rezept zurückschicken. Gesagt, getan: Das Quartett fand Investoren, stellte Programmierer an, plante für den Start im Januar.

Und dann kam das Coronavirus: Als Erstes sprang ein wichtiger Investor ab, weil er angesichts der Pandemie lieber seine Assets zusammenhalten wollte, wie Ole Martin erzählt. “Das war ein Dämpfer, wir hatten mit dem Geld fest gerechnet”. Corona-Hilfen gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht, und selbst wenn: Start-ups, die im Vorjahr noch keine Umsätze generiert haben, nutzen die staatlichen Programme ohnehin kaum. Die Gründerinnen und Gründer bissen die Zähne zusammen, brachten andere Geldgeber dazu, ihre Investments zu erhöhen.

Patienten mieden die Wartezimmer

Im März konnte die App doch noch starten. Und zwar just zu jenem Zeitpunkt, in dem in Deutschland das Leben während der Pandemie immer stärker eingeschränkt wurde. “Wenn man einen Ausschlag hat, neigen Patienten dazu, das auszusitzen”, weiß Alice Martin aus der Praxis – und die Angst vor Ansteckungen mit dem Coronavirus sorgte dafür, dass noch mehr Menschen Wartezimmern lieber fernblieben.

“Wir hatten die Chance, zu zeigen, was wir können”, sagt Martin rückblickend. Und dafür, dass das Angebot erst wenige Monate alt ist, sei es ziemlich gut angenommen worden. Etwa 2000 Patienten seien via App behandelt worden, mittlerweile sucht das Team neues Personal und zieht in größere Räumlichkeiten um.

Allein ist das Telemedizin-Start-up mit seiner Erfolgsgeschichte derzeit nicht: Der ganze Markt boomt, durch die Pandemie sind Hemmungen bei Patienten und Ärzten gleichermaßen weggefallen. Von einem “sensationellen” Wachstum spricht mittlerweile der IT-Branchenverband Bitkom, größere Telemedizinanbieter wie Zava stocken schon fleißig ihre Teams auf. Und längst bieten auch Zehntausende Ärzte Videosprechstunden an.

Manchmal ist ein Arztbesuch nötig

Dermanostic will auf dem Wachstumsmarkt mithalten, indem die Anwendung möglichst simpel bleibt. Videogespräche gibt es nicht, stattdessen braucht es nur gut ausgelichtete Fotos der Hautveränderung, einen ausgefüllten Fragebogen sowie ein Telefonat. Bei Unklarheiten oder wenn etwa Gewebeproben notwendig sind, wird trotzdem ein Arztbesuch empfohlen. Dermatologie sei allerdings ein sehr visuelles Fach, weshalb vieles tatsächlich über die App geklärt werden könne, sagt Martin.

Die Gründer rechnen damit, dass ihre Nutzerzahlen weiter schnell wachsen. Zwar gehen wieder mehr Menschen zum Arzt – doch dort stauen sich nach der coronabedingten Zurückhaltung der Patienten nun die Fälle. Eine weitere Chance für Dermanostic, wo Patienten binnen 24 Stunden Befund und gegebenenfalls ein Rezept bekommen sollen. Ole Martin berichtet, dass dafür viele Patienten im Moment auch die 25 Euro Nutzungsgebühr zahlen, obwohl ihre Krankenkasse die nicht übernimmt.

Sorge um die Kollegen in Krankenhäusern

Denn das klappt bislang nur bei Privatversicherten, eine Zulassung für das System der gesetzlichen Krankenkassen ist anvisiert. “Das ist leider sehr schwierig, aber das ist auch gut. So sind die Ansprüche an Sicherheit und medizinische Qualität sehr hoch”, sagt Ole Martin. Zumindest in Punkto Sicherheit ist er von seiner App überzeugt: “Wir haben alle notwendigen Zertifizierungen durchlaufen”, sagt Martin. Es bleibt abzuwarten, ob der Krankenkassenapparat auch die medizinische Qualität überzeugend findet.

Einen Wermutstropfen für die Gründer und Gründerinnen gab es allerdings: Ihr Produkt wurde während der Zuspitzung der Krise gut angenommen. Doch gleichzeitig ging es in den Krankenhäusern, wegen des Virus ziemlich zur Sache. “Manche Kollegen sind vier bis sechs Wochen wegen einer Corona-Erkrankung ausgefallen. Da freut man sich natürlich über den Erfolg, aber man fiebert schon mit den Ärzten mit”, sagt Alice Martin, die damals selbst wieder im Krankenhaus eingesprungen ist.

 

 

 

Von Christoph Höland/RND