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Rund 100 Millionen kostet der Libeskind-Bau, und das Land zahlt

Lüneburg, 6. Dezember 2016

Gut hundert Millionen Euro sind aktuell zur Finanzierung des Zentralgebäudes der Universität Lüneburg aufgerufen. Damit nimmt der Libeskind-Bau im kleinen Lüneburg – was Bauverzögerung, Kostensteigerung und Debatten-Dauer und Ungereimtheiten angeht – schon einen Sperrsitz in der Loge hinter der Elbphilharmonie und dem Hauptstadtflughafen ein.

Die Finanzierung des Baus, der anfangs 58 Millionen Euro kosten sollte, weist eine Millionen-Lücke auf, die, daran besteht kaum Zweifel, das Land schließen muss. Die Uni würde sich daran vermutlich verschlucken, trotz des guten Marktes für ihre Immobilien.

Der Bau, das sei gesagt, ist atemraubend, ein Solitär, der aber, am Rande des Campus,  wie vom Himmel gefallen aussieht. Außer-lüneburgisch in jedem Fall.

Warum also sollte das Land für Libeskind zahlen? Weil die Regierung und die Politiker mehrere rote Ampeln übersehen haben.

Die Oberfinanzdirektion in Hannover und das Rechnungsprüfungsamt haben schon zu Beginn und mehrfach vor der riskanten Finanzierung, der Unterveranschlagung und dem überdimensionierten Bau gewarnt.  31,4 Millionen Euro, prognostizierte das Rechnungsprüfungsamt 2011, wären ausreichend für einen Uni-Zweckbau. Aber das reichte dem Uni-Duo Spoun/Keller nicht fürs Prestige, nicht für die Symbolkraft und schon gar nicht für Libeskind, den US-Stararchitekten. Und als das Land aus dem Tiefschlaf aufwachte und die Kontrolle verschärfte, war es zu spät.

Spätestens der Olaf-Bericht des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung, in dem die Verben „umgehen“ oder „verschleiern“ feste Größen sind, hätte das Land und die Politiker aufschrecken müssen.

Der Libeskind-Bau könnte so für die Regierung-Weil zu einem Sprengsatz im Landtagswahlkampf Anfang 2018 werden. Denn die Schlussrechnung für den Bau, den die Oberfinanzdirektion im schlimmsten Fall bei 125 Millionen Euro angesetzt hat, lässt lange auf sich warten.

Danach ist das Audimax-Management in der Pflicht. Im Gutachten zum Finanzierungskonzept aus dem Jahr 2013 , das noch von 78 Millionen Euro Kosten ausgegangen war, betragen die Jahres-Mieteinnahmen mindestens 300 000 Euro. Und zwar schon 2016.

Holm Keller, Wegbereiter des Baus, ehemaliger Vize-Präsident und heutiger Berater der Uni , wird das vermutlich alles für Gewäsch halten. Wer groß denkt, darf sich nicht von Krämerseelen und ein paar Millionen aufhalten lassen.

Dafür hat er in Lüneburg eine feste Fan-Gemeinde an Honoratioren, die als Claqueure jeden Kritiker als Brandstifter beschimpfen. Diese Fans haben natürlich auch immer gewusst, dass es teurer wird, sie haben über Kellers Extravaganzen gelächelt und waren der Meinung: Wenn der Bau fertig ist, hat der Mohr seine Schuldigkeit getan. Aber bei so einem Glanzlicht fragt man doch nicht nur nach Nutzen, Funktionalität und Kosten. Da freut man sich erstmal. Für den Kater bleibt doch später Zeit. Dann, wenn der Teufel, der im Detail steckt, sich zeigt. Wenn der Schlussstrich gezogen wird. Dann ducken sich diese Freunde am Bau kurz weg und schweigen. Und wenn hoffentlich Gras auf dem Libeskind-Dach wächst, dann werden sie mit Sorgenfalten im Gesicht streuen: Tief im Herzen hätten sie ja immer gewusst, dass das ’ne Nummer zu groß ist. Genau.

Hans-Herbert Jenckel