Donnerstag , 22. Oktober 2020

Wie das Netz durch Posts zum asozialen Ort verkommt

Lüneburg, 19. Oktober 2016

In Lüneburg ist kein Pegida-Ortsverein bekannt, aber der Pegida-Geist weht auch über Markt und Sand. Vor einigen Tagen wurde über einen ekelhaften sexuellen Übergriff im Kurpark berichtet. Zwei „südländisch wirkende Männer“ hätten eine Mutter mit Kind am Ententeich überfallen. Während ein Täter das Kind festgehalten haben soll, soll sich der andere an der Mutter vergangen haben. Das rief bundesweit Empörung hervor. Die Frau zeigte den Übergriff drei Tage nach der Tat an, verweigerte laut Informationen aus Polizeikreisen eine ärztliche Untersuchung. Die Polizei ermittelte weiter, fand aber trotz des öffentlichen Ortes keine Zeugen, keine Hinweise auf die Tat. Auch darüber haben wir berichtet, auch bei Facebook.

Das Zwischenfazit der Polizei passte aber so gar nicht mit den fertigen Urteilen vieler Debatten-Duellanten überein, hier ein paar Posts im Original:.

  • War klar… jetzt werden Straftaten unter den Tisch gekehrt weil die Polizei inkompetent ist.. nix neues..
  • Na klar, die Polizei mal wieder nicht in der Lage die Täter zu finden, dann lügt eben das Opfer.
  • Hat man keine täter ist die tat nie geschehen oder was ?
  • Wie immer! Und dann wundert man sich, warum man die polizei kaum noch um Hilfe bittet!
  • Vertuschen kann man viel
  • Unglaublich! Die Polizei kann nichts ermitteln und die Frau wird als Lügnerin dargestellt. Mal im Ernst wieso sollte eine Mutter das tun???
  • Ich würde der Frau das glauben warum sollte Sie sich das ausdenken?? Ich habe schon öfter beobachtet wie Gruppen in der Stadt Frauen Vollgequatscht haben und die fanden das nicht so lustig! Des weiteren sehe ich viele Alkohol konsumieren das macht ja mutig .

Eine rechte Internet-Kampfseite spitzte das mal kurz so zu:

Gruppenvergewaltigung: Mutter vor Kind brutal durch Islamisten in Kurpark geschändet“

Es geht gar nicht darum, dass es keinen Spaß macht, solche Verschwörungs-Eskapaden zu lesen, es geht darum, dass diese rausgehauenen Vorurteile die Gesellschaft vergiften, Institutionen wie die Polizei bewusst diskreditieren. Und das in einer Zeit, in der im Zusammenspiel zwischen Bürger-Reportern und Journalisten die Wächterfunktion eigentlich stärker denn je ist. Aber auch der Umstand wird mit dem Kampfruf „Lügenpresse“ erfolgreich angegriffen.

Die sozialen Medien sind der Stammtisch 2.0. Nur es gibt kein Bier, es hören auch nicht nur fünf Freunde zu, dafür wird kübelweise Hass in Netz ausgeschüttet, wir kommen manchmal mit dem Löschen nicht hinterher,  Was Leute früher nur gedacht haben, können Trolle unter dem Deckmantel der Anonymität, geschützt durch das Telemediengesetz, unters Volk kippen. Sie machen das Soziale Netz zum asozialen Ort. Das ist Fluch und Segen zugleich. Wir schauen auf die rohen Gedankensplitter von Zeitgenossen, Wir sehen ihre Schattenseiten. Das macht keinen Spaß. Da lobe ich mir den Kneipen-Stammtisch, wo die Debattenschlachten vergessen und verklärt werden können, aber nicht auf ewig durchs Internet spuken.

Hans-Herbert Jenckel