Sonntag , 25. Oktober 2020

Warum Politiker im Kommunalwahlkampf am Käfig-Koller leiden

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

 

(Den Blog.jj schreibt der Online- und Lokal-Chef, der Geschäftsführende Redakteur Hans-Herbert Jenckel, Kürzel jj)

 

 

Lüneburg, 10. Juni

Lüneburger Ratssitzungen als Livestream.  Der Wunsch wird nicht das erst Mal laut.  Er steht jetzt sogar im Programm der Grünen  der Kommunalwahlkampf naht. Ich rate dringend ab.

Ein Blick in die Zuschauerbänke bei Sitzungen im Huldigungssaal des Rathauses müsste jeden zur Räson bringen. Wenn dann auch noch das Fähnlein der interessierten Bürger zu Hause bleibt und Rats-TV schaut,  könnte das Politiker schnell mit dem Wahn infizieren, da draußen hörten Massen zu.

Jede zweite Rede würde vermutlich mit der Ouvertüre, „Liebe Lüneburgerinnen und Lüneburger draußen an den Desktops, Handys  und Tablets“ beginnen. Und im Rausch verdrängt der Rat, dass jede Werbesendung für Schuheinlagen in einem x-beliebigen Verkaufssparten-Kanal von der Zuschauerzahl her gegen die Rats-Show ein Blockbuster wäre. Zudem wäre bei periodischen Sendungen, und der Rat tagt periodisch, auch die Frage zu beantworten, ob hier laut Rundfunkstaatsvertrag eine Lizenz nötig ist. Das kostet natürlich.

Nein, für solche eitlen Spielereien ist kein Geld da. Zudem fehlt es bei aller guten Sacharbeit schon lange an Charismatikern und Blendern im Rat, die so einen Livestream kurzweilig erscheinen ließen.

Wir klagen bei jeder Wahl über die schwache Beteiligung, da hilft keine Livestream-Idee, sondern es helfen Themen, die berühren.

Wir klagen, dass die, die gewählt werden, doch immer die gleichen Nasen seien, die uns mit der immer gleichen Masche locken – Geld-Gießkanne. In Lüneburg geht es in diesem Punkt nicht schlechter, aber auch nicht besser zu, als in jeder anderen Stadt.

Warum ist da so: Weil Politiker unter Käfig-Koller leiden. Sie durchleben und -leiden Wahl um Wahl dieselben Muster, Déjàvuohne Ende. Gefangen in Parteistrukturen, in der Hierarchie des Nach-Oben-Dienens, in der es eben leider oft nur vordergründig um Themen und am Ende doch ums Ego geht. Wer jung ist und voll verrückter Ideen, muss warten, bis er mehr oder weniger altgedient auf dem Boden der Partei-Programmatik landet.

Also: Parteisoldaten, angetreten! Das Wahlprogramm ist der Mode angepasst, die Dreckschleudern stehen für Manöver bereit: ein bisschen Insolvenz-Getratsche über einen Kandidaten der Konkurrenz,  Joblosigkeit wird dem nächsten angehängt und mindestens bei zweien drohen teure Scheidungskriege – „die haben doch gar keine Zeit für Politik“. Bleibt bestimmt Dreck hängen.

Fair würde dem ramponierten Ruf der Politik mehr helfen, aber fair ist natürlich auch langweilig.

Hans-Herbert Jenckel