Freitag , 25. September 2020

Mehr Platz fürs Rad bedeutet immer auch Verdrängungskampf gegen die Vormacht des Autos

Nils Dittbrenner
Nils Dittbrenner

 

 

(Nils Dittbrenner hat von 1998 bis 2007 in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert, hier gearbeitet und ist hier gerne geradelt. Heute lebt er in Frankfurt am Main. Der Blog-Beitrag über die Lüneburger Rad-Visionen, die im rot-grünen Koalitionspapier verstauben, hat ihn angestachelt. Hier sein Beitrag.) 

 

 

Lüneburg, 9. Mai

Ich habe selbst von 1998-2007 in Lüneburg gewohnt und kehre immer noch jährlich zurück, seit 2008 wohne ich jedoch in Frankfurt/M und finde es daher äußerst interessant, das mal zu vergleichen.

In meiner Wahrnehmung war Lüneburg immer ein verkehrspolitisch progressives Örtchen (wohl aufgrund der autofreien Innenstadt, die ich als junger Student super fand), weswegen mir der Kommentar etwas die Augen geöffnet hat.

Sie haben nämlich Recht.

Einige der Probleme scheinen daher zu rühren, dass Lüneburg ein Subzentrum ist und Autos ihren Platz um die Stadt herum bekommen haben. Daran hat man sich gewöhnt.

In Frankfurt (immerhin die autofreundlichst geplante Stadt Deutschlands der 70er und 80er), hat sich der Fahrradanteil seit meiner Ankunft deutlich erhöht, was vor allem Frucht geänderten politischen Willens ist. Die Innenstadt wurde beruhigt, entgegen der Einbahnstraße darf nahezu überall gefahren werden, und wenn irgendwo was neu geplant wird, wird mit dem Fahrradverkehr geplant. Macht ja auch Sinn.
Dazu noch viele neue Abstellmöglichkeiten. Viel mehr als in Lüneburg.

Hier wie dort liegt vieles am nicht vorhandenen Platz, mehr jedoch am nicht vorhandenen politischen Willen.

Meine – vielleicht steile, weil wenig fundierte – These mit der autofreien Innenstadt war, dass vielleicht in Lüneburg einiges liegen gelassen wurde, um sich den Burgfrieden rund um die autofreie Innenstadt nicht zu verscherzen.

Frankfurter Bürger haben zur selben Zeit wie die Lüneburger erfahren, dass mehr Autos in der Stadt diese nicht schöner machen und kämpfen seither einen zähen Verdrängungskampf gegen die Vormachtstellung des Automobils. Das dauert, aber die Verkehrsflächen müssen dem Pkw abspenstig gemacht werden, was zu einer überlegteren Nutzung des freiwerdenden Platzes führt.

Ich hoffe für die Lüneburger, dass sich da bald etwas ändern wird und ein Radverkehrskonzept für die Bürger erarbeitet wird. Also Fahrradwege und -straßen und eine vernünftige, sichere Anbindung der verschiedenen Stadtteile an die Innenstadt. So oder so gilt aber: Es muss halt nur jemand machen 😉

Viele Grüße aus Frankfurt, Nils Dittbrenner