Dienstag , 20. Oktober 2020

Lüneburger Missverständnisse zur Pressefreiheit

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

 

 

 

(Den Blog.jj schreibt der Online-Chef und Geschäftsführende Redakteur Hans-Herbert Jenckel, Kürzel jj)

Lüneburg, 20. April

Seit Böhmermann als Dichter-Ego-Shooter Erdogan schmähte, schäumt die Diskussion über Presse- und Meinungsfreiheit und Satire im Speziellen über. Am Ende wird der Böhmermann noch als Märtyrer der Meinungsfreiheit unsterblich. Ich sehe ihn schon in einer Reihe mit Spiegel-Gründer Rudolf Augstein. Pressefreiheits-Ikone, seit er 1962 während der Spiegel-Affäre um das Heft „Bedingt abwehrbereit“ wegen angeblichen Landesverrats für ein Vierteljahr in Untersuchungshaft genommen wurde.“ Damals trat der Verteidigungsminister FJ Strauß zurück, heute müsste es schon die Kanzlerin sein.

Wir schalten jetzt zurück nach Lüneburg. Dort wird die Pressefreiheit ab und an auch ganz eigen ausgelegt. So verstehen Behördenvertreter oder Sprecher von Unternehmen darunter mitunter die Freiheit, dass die Presse schreiben darf, was sie verlautbaren. Bei Verstößen drohen sie, übel zu nehmen. Das beherrschen auch einige Politiker perfekt. Immerhin ist es besser geworden. Früher waren auch Drohungen an der Tagesordnung.

Ich erinnere mich an den Geschäftsführer eines Lüneburger Bauunternehmens, das in der Blütezeit jede Baustelle der Stadt bestückte. Ich sollte über einen großen Neubau berichten, der nicht ohne den Abriss eines Baudenkmals hochgezogen werden konnte. Auf meine Anregung: „Super, dann zeige ich das alte und das neue Haus“, antwortete der Bau-Boss:. „Nein, Sie zeigen das neue Haus, nicht das alte.“ – „ Wie bitte, aber das wäre ja nur die halbe Geschichte? – „Wir bezahlen das Gehalt Ihres Chefredakteurs und das von Ihnen.“

Da war der Bürgermeister, der mir mit der Freundschaft zu einem Verleger unverhohlen drohte, wenn ich weiter grüne Ideen verbreitete, und der abgewählte Oberbürgermeister, der mir um Mitternacht nach seiner Wahlschlappe am Telefon schwor, dass sich jetzt die ganze Lüneburger Wirtschaft gegen mich stelle.

Dagegen waren die Abonnenten, die Telefonate mit dem Hinweis begannen, dass Sie schon seit Jahrzehnten LZ-Leser seien, geradezu harmlos. Aber auch das hat letztlich keinen anderen Sinn, als sanft Druck auszuüben.

Das geht auch mit der Einschmeichel-Taktik frei nach dem Limerick: „Mit Candy  macht‘s der Dandy, mit Riesling der Fiesling.“ Darauf verstanden sich zwei Lüneburger Bankdirektoren, die unerfahrene Jungjournalisten zur gemütlichen Bilanz-Konferenz einluden. Voll des Weines sah die Bilanzwahrheit nach spätestens zwei Stunden verschwommen aus. Deswegen hatten sie da schon mal was vorformuliert. Bestellte Wahrheiten. Ich dachte, all das seien nur Anekdoten aus der LZ-Mottenkiste.

Wenn mir aber nun eine aufgelöste Volontärin berichtet, dass der Sprecher einer Kaderschmiede ihr gerade jetzt versicherte: Sie habe zu schreiben, was er liefere und habe da nicht rumzurecherchieren, dann muss ich doch wieder an diesen Bauunternehmer denken.

Zur Sicherheit hier noch mal  Artikel 5, Grundgesetz:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Als Buchempfehlung sei noch angefügt: „Bestellte Wahrheiten“ von Herbert Riehl-Heyse.

Wir schalten jetzt wieder zurück zu Böhmermann.

Hans-Herbert Jenckel