Donnerstag , 1. Oktober 2020

Bleibt Merkels Platz im Politiker-Olymp frei ?

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

(Den Blog.jj schreibt Hans-Herbert Jenckel, der Geschäftsführende Redakteur und Online-Chef der LZ. Gastbeiträge sind willkommen.)

 

 

 

Lüneburg, 15. März

„Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen.“

Angela Merkel zur Energiewende. Ihr Husarenstück.

„Ich möchte gerne unterstreichen, dass wir in der Tat in der gemeinsamen Verantwortung, die wir in der Bundesregierung fühlen, dafür Sorge tragen wollen, dass die Sparer in Deutschland nicht befürchten müssen, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren.“

Angela Merkel gibt den Sparern in der Finanzkrise eine Garantie. Sie spielt Vabanque

„Wir schaffen das.“

Angela Merkel zur Flüchtlingskrise, ein Aufruf, den große Teile der Bürger nicht glauben.

Angela Merkel steht nicht erst seit dem Wahlsonntag im Schach. Da steht sie schon länger.  Die eine Gruppe, die sich als Mehrheit der Deutschen versteht, schreit schon:  „Schachmatt!“  Und die andere Gruppe, die sich auch als Mehrheit der Deutschen versteht, ruft: „Nicht nachgeben, du schaffst das!“

Die zwei Lager spiegeln sich in den LZ-Leserbriefen zur Flüchtlingskrise wider.  Die Kanzlerin wird mal für ihre „historischer Leistung“ gelobt, die Flüchtlinge aufzunehmen, die Grenzen offen zu halten, mal für die „historischer Fehlleistung“ abgestraft, Deutschland nicht zur Festung  gegen den Ansturm der Wirtschaftsflüchtlinge ausgebaut zu haben.

Schon bald wird sich zeigen, ob es ihr am Ende so gut ergeht wie ihrem Ziehvater Helmut Kohl, der als „Birne“ und Aussitzer gestartet ist und heute als  Kanzler der  Einheit im Politiker-Olymp sitzt.  Oder ob Merkel die Kanzlerin wird, von der nur dieser eine Satz bleibt: „Wir schaffen das.“  Ein Versprechen, dass sich nicht mit noch so viel Geld erfüllen lässt, sondern nur im Konsens mit der Gesellschaft. Und darum steht es schlecht. Vielmehr passiert der CDU gerade mit der AfD, weil sie rechts ein Vakuum hinterlassen hat, was der SPD mit der „Linken“ passiert ist. Sie verliert Stammwähler an eine neue Partei.

Natürlich hätte Merkel Deutschland auf Zeit von den Krisen dieser Welt etwas fernhalten können.  Allerdings hätte sich nur die Verhältnisse von Zustimmung und Ablehnung  in der Flüchtlingskrise verkehrt. Die, die heute auf sie einhacken, wären still und zufrieden, und die, die ihr heute den Rücken stärken, würden ihr in den Rücken fallen. Im Schach stünde sie trotzdem.

Kanzlerin Merkel ist der Kristallisationspunkt, an der sich die Flüchtlingskrise festmacht. Die Interpretationen nach den Wahlen allerdings sind vielschichtig. Die einen sagen, Merkels Beharrlichkeit sei der Untergang der Union, sie habe den Aufstieg der AfD erst möglich gemacht. Die anderen interpretieren die Wahl  vielmehr so: Wer auf Merkels Kurs gefahren ist, hat gewonnen. Aber das alles lenkt völlig von der eigentlichen Tragödie ab, die sich Sonntag in harten Zahlen gezeigt hat: Der gesellschaftliche Konsens unter Demokraten ist durch die Kurzatmigkeit der Politiker in Europa, die nur noch auf Sicht fahren, verloren gegangen. Unwiederbringlich.

Zum Abschluss also noch einmal Merkel:  „Überall stoßen wir auf ein Denken, das kein Morgen kennt.“

 

Hans-Herbert Jenckel