Samstag , 24. Oktober 2020

Schlechte Nachrichten aus der Parallelwelt

Lüneburg, 22. Februar 2016

Ich betreibe diesen Blog seit 2014. In dieser Zeit sind rund 80 Beiträge erschienen. Die Kommentatoren haben teils unglaublich gute Texte für und gegen meine Thesen veröffentlicht. Perlen.

Über die Zahl der Kommentare konnte ich mich zu keiner Zeit beschweren. Alleine die letzten fünf Blog-Beiträge haben mehr als tausend Reaktionen ausgelöst. In letzter Zeit aber nimmt das Kommentieren einen unheilvollen Verlauf. Niemals zuvor ist ein Beitrag so oft kommentiert worden wie „Der Misthaufen als Berg der Weisen in der Flüchtlingskrise“. Und niemals zuvor haben sich Foristen so viele Entgleisungen erlaubt. Das deutete sich schon bei den vorherigen Kommentaren zum Thema Flüchtlinge an.

Ich habe die Kommentare, soweit es ging, trotzdem veröffentlicht, um zu zeigen, dass es vielen gar nicht mehr um das Blog-Thema geht, sondern um Diffamierung, ums Auskotzen und um Propaganda. Dass Foristen auch Selbstgespräche führen und wie ein Tucholsky mit Panter, Tiger und Co. unter verschiedenen Pseudonymen unterwegs sind, das ist Blog-Kultur.

Es gib heute schon „Cyberpsychologen“, die das Phänomen dieser Enthemmung im Netz zu ergründen versuchen. So vermutet Catarina Katzer in der Welt: „Im Netz agiert der Mensch entkörperlicht wie in einer Art Parallelwelt… Schubse ich im realen Leben jemanden, muss ich meinen Körper einsetzen, und ich sehe unmittelbar die Reaktion des Gegenüber, das kostet viel mehr Überwindung.“ In der Blog-Parallelwelt wird über andere Parallelwelten gewettert, etwa der des Islam in Deutschland. Im Netz springen User über ihren Schatten und lassen die Sau raus. Schlimm sei nur, mutmaßt Katzer, dass sich das Verhalten im Netz Zug um Zug ins reale Leben schleiche.

Und nach den Übergriffen und Anschlägen in Sachsen scheinen sich erneut die Befürchtungen der Cyberpsychologen zu bestätigen. Ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit untermauern sächsische Unwillkommenskomitees, wie es um ihre Integration bestellt ist.

Hans-Herbert Jenckel