Dienstag , 11. August 2020

Die neuen Meinungsführer, Schlammschlachten und panische Politiker

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

Lüneburg, 11. Januar

Die Nachrichten auf Facebook und Twitter von den Übergriffen auf Frauen in Köln und Hamburg in der Silvesternacht führen Fluch und Segen der Neuen Medien vor Augen und provozieren bei Politikern immer schneller die immer gleichen Reaktionsmuster.

Facebook  und Twitter fluteten schnell und ungefiltert das Soziale Netz. Einerseits ein Segen. Die Mitteilungen wuchsen sich aber zu einer Schlammschlacht von Gerüchten und Mutmaßungen aus, breiteten einen Morast aus, in dem sich hasserfüllte Kommentatoren suhlten, bis einem schlecht wurde. Das ist der Fluch.

Dass die Zeitungsreporter dagegen bei Recherche und Berichterstattung anscheinend einen Fehlstart hingelegt haben, das war nicht nur bedingt durch die zögerlichen Informationen der Polizei.  Zugleich zeigt sich darin auch eine Stärke der Journalisten: Sie recherchieren, bevor sie eine Nachricht in die Welt setzen. Der gedruckten Zeitung haftet auch deswegen immer noch dieser urkundliche Charakter an. Doch je öfter der Wahrheitsgehalt zweifelhaft ist, desto schneller verliert sie diesen Wert. Das Schimpfwort „Lügenpresse“ nistet sich ein.

Die Wucht in den Sozialen Netzwerken bediente Ängste und Vorurteile und machte die Übergriffe schnell zu einem Brandbeschleuniger unter Politikern. Wer gerade noch zögerte, reagierte jetzt panisch mit Bürger-Beruhigungspolitik: schärfere Gesetze, schnellere Abschiebung, mehr Staat. Stimmung ist heute leider immer stärker als Politiker.

Und Stimmung wird über Facebook und Twitter organisiert. Durch Köln hat sich das sichtbar manifestiert. Opfer twittern über Köln, Polizisten posten bei Facebook,  Chefredakteure rechtfertigen dort ihre kritisierten Titelseiten, der Sprecher der Bundeskanzlerin twittert schon immer, pointierter kann das natürlich Bild-König Diekmann.

Die Verschiebung der Meinungsführerschaft ist mindestens so umwälzend wie die gerade laufende Völkerwanderung und sie hat am Ende vermutlich auch mehr Sprengkraft.

Hans-Herbert Jenckel