Samstag , 19. September 2020

Als jede Jahreszeit noch ihren ganz eigenen Geschmack hatte

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

 

 

Lüneburg, 3. Dezember

Wo ich aufgewachsen bin, auf einem Bauernhof mit Mühle in Melbeck, da hatte jede Jahreszeit ihren ganz eigenen Geschmack.

Spargel im Mai, danach Erdbeeren und Rhabarber. Und der Obst- und Gemüse-Zeiger drehte sich munter weiter: Kirschen und Pflaumen, Tomaten, Radieschen, Streifzüge durch den Pilzwald, Äpfel und Birnen, und wenn’s frostig wurde, Kompott – bis zum nächsten Jahr.

Alles hatte seine Zeit. Nun kommt nicht jeder vom Hof, aber doch könnte auch heute noch  jeder im Laden entscheiden, alles nur zu seiner Zeit zu kaufen. Aber, im Supermarkt wurden die Jahreszeiten abgeschafft. Alles frisch, und zwar in jeder Menge zu jeder Zeit. Keiner fragt nach den Folgen.

 

Und weil das so ist, glauben Kinder in Almeria in Andalusien, dass Folie ein natürlicher Landschaftsbewuchs ist. Und Tomaten nur unter Plastik gedeihen.

 


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Kinder in Ecuador fragen sich, wo nur diese Unmengen an grünen Bananen bleiben, die ihr Land prägen, und warum sie nicht natürlich an der Staude, sondern im Schiffsrumpf auf dem Weg in den deutschen Supermarkt reifen.

Nur wir fragen nicht, woher die Tomaten kommen, die Erdbeeren im Winter oder die Bananen das ganze Jahr. Uns ärgern nur die Endlosbahnen synthetischer Frischhaltefolie, in der die für den Transport haltbar gespritzten Früchte lagern.

Wir fragen auch nicht, was passiert, wenn wir unseren Geschmack ändern wie die Mode. Wir hören höchstens in den Nachrichten, dass in Ecuador Bauern in Armut versinken, weil nicht genug Bananen verkauft werden. Aber was hat das mit uns zu schaffen? Wir haken besser nicht nach, womöglich bekäme unser Wohlstandsgewissen Schluckauf.

Auf der Weltbühne kämpfen sie gerade in Paris gegen die Zerstörung der Erde und den hausgemachten Klimawandel. Wir sollten vielleicht nicht nur nach Paris starren, sondern im Kleinen beginnen. Jede „Buy Local“-Initiative, jeder Hofverkauf, jeder Ansatz, fair auch im Fernhandel zu wirtschaften, ist alle Mühe wert.

Auch ich glaube heute viel zu oft, das Leben sei ein Supermarkt, und greife zu. Ein Umdenken  wäre schon mal ein handfester guter Vorsatz fürs neue Jahr.

Hans-Herbert Jenckel