Lieber für Demokratie kämpfen, als auf Pessimisten hören

"Krieg gegen unsere Art zu leben"

Das steht nach der Terrornacht von Paris in der Balkenüberschrift auf der ersten Seite einer großen deutschen Sonntagszeitung. Das Wort Krieg allein füllt schon fast die ganze Seite - "gegen unsere Art zu leben" erscheint dagegen in Miniatur. Aber genau über die  "Art zu leben" lohnt es nachzudenken.

Die Mörder von Paris hassen diese Lebensart, sie wollen uns brechen, uns weinen und trauern sehen, uns dauerhaft verängstigen. Und sie treffen uns zu einem Zeitpunkt, zu dem unsere Demokratie so satt, so träge und so orientierungslos wirkt.

Wir täten gut daran, stolz zu sein auf unsere Demokratie und auf die französischen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichtkeit. Für die lohnt es zu kämpfen, mit demokratischen Mitteln.

Doch der Terror von Paris führt unweigerlich dazu, dass die Berufspessimisten endlich auch in der aktuellen Flüchtlingskrise ausrufen können: "Na bitte, hab' ich's doch gewusst!" Zugbrücke hoch!

Nur, ich will weder von Pessimisten regiert werden noch in einer Burg leben. Lieber Demokratie, auch wenn die Freiheit manchmal so weh tut wie jetzt gerade.

Aber es gibt da einen dunklen Punkt, den wir auch nicht unterschlagen dürfen, zu unserer Art zu leben gehört seit jeher auch ein teils zweifelhafter Umgang mit den Ursprungsländern des Terrors.

Man könnte bei den Römern oder mit der Geschichte Jerusalems beginnen, bei Kreuzrittern und Osmanen, wo mal Christen, mal Muslime die Ungläubigen waren. Bei den Jahrhunderten des Gemetzels in Gottes Namen.

Oder mit der Kolonialzeit nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Mittelmeer und Schatt al-Arab, Türkei und Rotem Meer. Da, wo das Öl dieser Welt im Boden liegt, dort, wo sich Briten und Franzosen nach dem Krieg ihre Machtsphären mit einer Linie im Wüstensand über alle Kulturen und Nationalitäten hinweg zugeschnitten haben.* Nirgendwo war und ist so viel Krieg, Bürgerkrieg, Umsturz und Terror.

Oder man könnte auch mit den Supermächten beginnen, mit der "Achse des Bösen" und jüngsten Kriegen der Falken auf fadenscheiniger Grundlage.

Dort, in der arabischen Welt, liegt der Ursprung eines Konfliktes, der nie enden will. Der auch viel mit uns zu tun hat und der grausam und unmenschlich in unsere Welt getragen wird.

Am Vorabend der zweiten Intifada habe ich in einem Hotel in Bethlehem, unweit des Heiligtums "Rachels Grab" gewohnt. Jeden Tag gegen 17 Uhr warfen die Palästinenser Steine und die Israelis antworteten mit Tränengas und Hartgummigeschossen. Nach so einer Gewaltorgie stand auf der von Steinen übersäten Straße mutterselenallein ein palästinensischer Taxifahrer, ich ging auf ihn zu und fragte, ob er sich nicht nach Frieden sehne. ,,Frieden? Wird es hier nicht geben, nicht bevor wir sie alle ins Meer getrieben haben, nicht bevor wir wieder auf Augenhöhe reden."

 Hans-Herbert Jenckel
*Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessengebiete im Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden.

In einem Spiegel-Artikel wird das Abkommen als ein ungeniert imperialistisches Dokument bezeichnet. "Es nimmt keine Rücksicht auf die Wünsche der betroffenen Bevölkerung, setzt sich willkürlich über die ethnischen und konfessionellen Grenzen der arabischen und kurdischen Welt hinweg und beschwört damit Konflikte herauf, welche die Region noch hundert Jahre später plagen werden. 'Selbst unter den Maßstäben der Zeit', schreibt der englische Politologe James Barr, sei es 'ein schamlos eigennütziger Pakt'."