Sonntag , 27. September 2020

Wohnungsnot: Lüneburg als Luxus-Lounge – Preisspirale auf Koks

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

 

 

Lüneburg, 10. November

Lüneburg zieht an, das ist Fluch und Segen zugleich.  Für die Stadt ein Segen: viele Bürger, hohe  Steuereinnahmen. Für  Alteingesessene ein Fluch, weil sie sich das Wohnen in ihrer eigenen Stadt nicht mehr leisten können. Es herrscht auf dem Markt galoppierende Inflation.

Ich habe unlängst das Schaufenster eines Maklers gesehen, wo lauter rote „Verkauft“, „Verkauft“, „Verkauft“Banderolen quer auf den Angeboten pappten.  Sah aus wie eine Mischung aus Egotrip „Schaut, was für ein toller Makler ich bin“ und Sommerschlussverkauf zu höchst Preisen.

Bieten Makler in Lüneburg potenziellen Hausverkäufern eigentlich schon Prämien, damit sie überhaupt noch etwas im Angebot haben? Oder ist der Markt so leergefegt, dass auch solche Verlockung nicht mehr zieht?

Im Grund kann sich selbst der Mittelstand an der Ilmenau  gerade noch ein Grundstück leisten. In Oedeme für 275 000 Euro, in Wilschenbruch dürfen es gerne noch 100 000 oder 200 000 Euro mehr sein. Und das sind noch gar nicht die Auswüchse dieses Nachfrage-Überschusses. Die finden sich in der Innenstadt, Bruchbuden, die als Luxus-Lounge zu Mondpreisen verhökert werden. Und die Verkäufer werden nicht mal rot, wenn sie diese Zerfallserscheinungen präsentieren.

Die überspitzte Kritik lautet. Die Hamburger verdrängen die Lüneburger, die Lüneburger drängen aufs Land. Nur, Wohnbaupolitik sollte ja eigentlich keine Verdrängungspolitik sein. Das Rathaus hat den Mangel erkannt. Da allerdings walzerte die Preisspirale  längst wie auf Koks.

Dass auch die Grünen Abhilfe schaffen wollen, ist gut. Dass im Hanseviertel eine Chance verpasst wurde, haben Sie richtig erkannt. Da halten viele die Hand auf, bis es  schmerzt.  Dass sie aber Verdichtung in Feldwebelhausen im Moorfeld als Beispiel anführen, auch in die Höhe sinnieren, so eine Art Weißer Turm 2, das sind keine probaten Mittel gegen den großen Mangel.

Zugleich will die Öko-Partei einen Grüngürtel um die Stadt legen. Das ist sicher wünschenswert, bezahlbarer Wohnraum aber ist das Gebot der Stunde, und der ist in ausreichender Größe auf dem engen  Stadt-Radius kaum noch realisierbar ohne Einschnitte ins Grün.  Und auch das reicht nicht. Die Stadt muss im Konzert mit dem Landkreis und den Umlandgemeinden an einem Strang ziehen, nur  in einem gemeinsamen Kraftakt können sie dafür sorgen, dass die Preisspirale künftig wieder  langsamer weiterwalzt.

Hans-Herbert Jenckel