Mittwoch , 12. August 2020

Von Kanzlern, Staatsmännern und Darstellern

Hans-Herbert Jenckel schreibt im Blog.jj über Kanzler, Staatsmänner und Darsteller.
Hans-Herbert Jenckel schreibt heute im Blog.jj über Kanzler, Staatsmänner und Darsteller.

 

(Im Blog.jj  schreibt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Gastbeiträge sind willkommen. Bitte an: jj@landeszeitung.de)

 

Lüneburg, 29. Oktober

 

 

 

 

Was unterscheidet eigentlich einen Karriere-Politiker von einem Staatsmann?

Gerhard Schröder mag über weite Strecken mehr Darsteller als Kanzler gewesen sein, aber kein Staatsmann. Einer, der nach oben wollte. Siegerlächeln, Brioni-Anzüge, Cohiba-Zigarren und teure Weine. Einer, der wenig Hemmungen und Berührungsängste zeigte, ob als Vortragsreisender, als Putin-Freund oder als Aufsichtsrat im Reich des Russen. Aber er hat am Ende seiner Kanzlerschaft mit der Agenda 2010 gegen allen Widerstand den Grundstein für Deutschlands Wiederaufstieg gelegt.  Dafür haben ihn anfangs viele gehasst, gerade in der Sozialdemokratie, seiner Heimat. Aber das und sein guter Instinkt in der Irak-Krise werden bleiben. Insofern war er im Untergang ein großer Kanzler. Weil er als Staatsmann und nicht als Politiker gehandelt hat, Partei und Karriere keine Hauptrolle spielten.

Angela Merkel war nicht berühmt für klare Kante, eher für die Politik der Merkel-Raute. Ruhige Hand bewahren. Das hat sie bei Kohl gelernt, von dem die Einheit bleibt. Vor Kameras und Mikrophonen wich  Merkel fast immer ins Ungefähre aus. Was hatte sie nur gesagt?  Bis zur Finanzkrise. Da versicherte sie schwer verunsicherten Deutschen: ,,Die Spareinlagen sind sicher.“ Das stimmte natürlich nur bruchstückhaft, aber beruhigte ungemein. Bis Fukushima. Danach rief sie ad hoc die Energiewende aus, egal wie die Konzerne drohten. Das hätten vermutlich nicht mal die Grünen gewagt.

Jetzt hat sie in der Flüchtlingsfrage gleich zu Anfang gesagt: „Wir schaffen das.“ Der Satz ist noch riskanter, wird das Land nachhaltig verändern. Aber sie hält daran fest. Die Medien schreiben jetzt von Merkels Götterdämmerung. Aber es gibt mindestens diese drei Momente, die sie zu einer großen, womöglich auch tragischen Kanzlerin machen, aber zu einer Staatsfrau statt zu einer Politikerin, die parteipolitischen Zielen folgt. Wenn sie dabei bleibt.

Und jetzt greift Sigmar Gabriel, der die Achterbahn der Politik, Absturz und Aufstieg kennt, nach der Kanzlerschaft, indem er eine Stimmung nutzt. Das konnte er, wendig, wie er ist, schon immer. Noch ganz Politiker.

 

Hans-Herbert Jenckel