Mittwoch , 28. Oktober 2020

Die Ablehnungskultur

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(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

 

Lüneburg, 20. Oktober 2015

Die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen stellt die deutsche Gesellschaft vor eine Zerreißprobe. Das trifft aufs kleinste Dorf wie Sumte im Amt Neuhaus zu wie aufs Oberzentrum Lüneburg.

Politiker irrlichtern, mal rufen sie „Willkommen!“, dann „Grenzen zu!“, „Zaun!“, „Transitzonen!“, dann wieder fühlen sie sich missverstanden. Was hinterlässt das beim Bürger? Zumindest keine Orientierung.

Am Ende ist und bleibt der Krieg der Motor dieser Völkerwanderung, und der ist bekanntlich nichts als die Geschäfte. Dazu passt die aktuelle Meldung, dass die deutschen Waffenexporte auf Rekordniveau laufen. Ausliefern und Augen zu. Verschärft wird die Lage noch durch die Egozentrik von Staaten und auch Bürgern.

Die Folge der Ungewissheit: Es wächst neben der Willkommenskultur in Deutschland eine Ablehnungskultur, eine Unkultur der Entgleisungen. Wer nicht für Abschottung ist, soll höher hängen. Hoch lebe der Seehofer!

Ja, es sind viele, vielleicht zu viele Flüchtlinge auf einen Schlag.

Ja, in den Unterkünften, die aus dem Boden gestampft werden, sind die Zustände teils untragbar, aber das liegt eben nicht an den Helfern, nicht an den Flüchtlingen, nicht an den Kommunen, das liegt nicht an der Landes- noch der Bundesregierung, sondern an den unüberschaubaren Verhältnissen mit zu vielen Akteuren mit zu vielen Interessen auf allen Seiten.

Ja, andere Länder behandeln Flüchtlinge zur Abschreckung härter und schlechter als wir. Aber ist das ein Maßstab?

Ja, andere Länder müssen noch viel mehr Flüchtlinge verkraften. Aber das wollen wir nicht wissen, das stört die Pegida-Protestkultur.

Ja, es gibt Gewalt, jede Menge Missverständnisse in den Unterkünften.

Und ja, wenn in der Hauptstadt von Mali Minister Gabriel im TV erscheint und prognostiziert, dass wohl mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen, das aber mit „es sind mehr als eine Millionen Flüchtlinge willkommen“ übersetzt wird, geht ein Raunen durch die Menge vor dem Bildschirm. Dann entsteht tief in Afrika ein Missverständnis mit fatalen Folgen. Noch mehr Flüchtlinge. Und daran hat dann wieder nur ein Übersetzer Schuld. Unübersichtlich eben.

Darüber dürfen wir nicht den Menschenverstand verlieren.

Wer sein altes Leben hinter sich lässt und sich Hunderte, ja Tausende Kilometer zu uns durchschlägt mit Nichts, der hat erst mal Schutz und Gastfreundschaft verdient.

Wer als Flüchtling kommt, ist kein Gefangener. Er hat Rechte, er hat Pflichten.

Wer angebotene Kleidung oder Essen verschmäht, muss nicht arrogant und anspruchsvoll sein. Es treffen Kulturen aufeinander. Verstörte Menschen aus zerstörten Leben betreten eine für sie unfassbar geordnete Welt.

Wer aber zu uns flüchtet, Gastfreundschaft erfährt, trotzdem Mist baut und von einem Gericht schuldig gesprochen wird, hat erstens die Willkommenskultur mit Füßen getreten und ist zweitens ein willkommenes Fallbeispiel, worauf sich zeigen lässt, um mit Angst- und Neid-Parolen die Ablehnungskultur zu stärken. Und auch er handelt aus ganz egoistischen Motiven.

Hans-Herbert Jenckel