Wenn Lüneburgs Ratspolitiker im Sandkasten spielen, ist schon wieder Wahlkampf

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(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

 

 

Lüneburg, 8. Oktober 2015

Politiker gleichen in einem Punkt Kindern im Sandkasten. Bauen sie Mist und werden von Mutti zur Ordnung gerufen, zeigen sie unter Tränen unwillkürlich auf andere Spielkameraden: „Der auch, der auch, der auch!“ Irgendwie wollen die meisten doch ablenken, das eigene Fehlverhalten im Kollektiv in einem weicheren Licht sehen.

Jüngstes Beispiel: Die Stadtverwaltung hatte bei den Linken im Rat angemahnt, dass die Fraktion Belege schuldig geblieben sei, wie sie die Aufwandsentschädigung verwendet habe, die jeder Rats-Kohorte zusteht, und sei sie noch so klein. Die LZ berichtete aus der nicht-öffentlichen Sitzung des Verwaltungsausschusses, in der das "Delikt" zur Sprache gekommen war, und sogleich wurde ein Leserbrief an die Redaktion adressiert, in dem der Missbrauch der Vertraulichkeit im Verwaltungsausschuss gebrandmarkt wurde. Wer hat da durchgesteckt?

Der Fraktionschef der Linken, Michèl Pauly, schaltete die Sozialen Netzwerke ein und schrieb auf seiner Facebook-Seite, es sei längst alles erledigt, viel spannender sei aber, wer Doppel- und Dreifachverdiener im Rat sei. Wer mehr einsackt. Und schon schoss er sich auf die Grünen ein.  „Und dafür gibt es keinerlei Nachweispflichten. Irre ich, oder ist das ein viel größeres Politikum als zu späte Belege für Büromaterialien?“, empörte er sich. Und ein Kommentator frotzelte schon: Verwunderlich sei, dass niemand Paulys Rücktritt fordere.

Ob sich der eloquente Pauly irrt oder recht hat, was das Größenverhältnis der Politika anbelangt, weiß ich nicht. Dass er noch mal kräftig nachgetreten und vom eigenen Fehlverhalten abgelenkt hat, weiß ich sicher.

Und ich darf Ihnen hier und heute versprechen, das ist erst der Anfang. Ganz unbemerkt stehen wir nämlich bereits im Kommunalwahlkampf 2016. Der Schlachtruf: „Der auch, der auch, der auch!“ wird noch oft und laut vernommen. Und wenn es sich lohnt, werden wir sicher berichten: Uns muss die Suppe nicht schmecken, wir suchen meist das Haar in der Suppe.

Im Falle des Wahltermins zum Beispiel: 11. September 2016. Das Datum ist geschmacklos gewählt. An diesem Tag jährt sich der Terroranschlag auf das World Trade Center zum fünfzehnten Mal.

In Sachen Pauly wäre der Rücktritt übrigens nur gefordert worden, wenn er die Aufwandsentschädigung am Ballermann verzecht hätte, weil das Ratsdasein für kleine Fraktionen so beschwerlich ist. Allein die Buchhaltung!

Hans-Herbert Jenckel