Wenn der Ordnungssinn in Lüneburg die Vernunft schlägt

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(Den Blog.jj führt Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen. )

Lüneburg, 22. September

 

Die Schizophrenie im Umgang mit syrischen Kriegsflüchtlingen, die sich integrieren wollen, lässt sich an einem Lüneburger Schicksal zeigen.

Am Wochenende berichtete die LZ über die junge Syrerin Hiba Mustafa, die aus Aleppo geflohen ist, der schwer umkämpften und heute weitgehend zerstörten syrischen Kulturhauptstadt.

Sie ist vor knapp zwei  Jahren über Bulgarien nach Deutschland gekommen. Sie lernt in Lüneburg Deutsch, sie findet Freunde und Unterstützer, macht alles richtig, zeigt Integrationswillen. Der Lohn? Keiner. Sie wird abgewiesen. Das wieder ist dem deutschen Ordnungssinn geschuldet, nicht der Menschlichkeit und nicht dem Verstand.

Das Bundesamt für Migration hat zwar vor kurzem die Dublin-Regel außer Kraft gesetzt,  syrische Flüchtlinge dürfen in Deutschland bleiben, auch wenn sie vorher in anderen EU-Staaten registriert wurden. Doch zu dem Zeitpunkt war Hiba aus Syrien längst im Räderwerk der Regeln verheddert.

So folgt auf Flucht Erleichterung und darauf wieder Angst - vor Abschiebung.

Freunde und Ehrenamtliche helfen Hiba und hoffen. Die Politik schweigt.

Noch vor einem Jahr hätte ihr Schicksal in der Politik eine Welle der Solidarität und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Petitionsausschuss wäre angerufen worden, Landes- und Kommunalpolitiker hätten versucht, diesen Irrsinn aufzuhalten.

Und heute? Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien, Hunderte in Lüneburg.  Übelastete Kommunalverwaltungen und verunsicherte Kommunalpolitiker. Und  der Ordnungssinn erweist sich anfällig für Widersinn.  Gesetz ist Gesetz und Regel ist Regel.

Leider auch typisch deutsch. Und Hiba in diesem Fall das Opfer.

Hans-Herbert Jenckel

PS: Eine Unterstützerin Hibas berichtet: Noch vor ein paar Monaten seien die Eltern und der Bruder von Hibas Ehemann Rami, der auch abgeschoben werden soll, zur Familienzusammenführung aus Syrien eingeflogen und nach Lüneburg gebracht worden. Sie hätten umgehend deutsche Pässe erhalten.